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BFU No. 14
Colo Colo - CF Universidad de Chile
Der Superclasico in Chile zog uns an diesem Wochenende in seinem Bann. Selbst weniger an südamerikanischen Gefilden Interessierte Personen dürfte beim Gedanken an die Namen Colo Colo oder La U ein kleiner Zungenschnalzer zu entlocken sein, verbindet man mit diesen Vereinsnamen doch große Stadien, volle Ränge und eine gehörige Portion Temperament. Wir hatten das Glück bei diesem
direkten Aufeinandertreffen der zwei erbitterten Rivalen aus der chilenischen Hauptstadt Santiago dabei sein zu dürfen. Kaum den Busbahnhof nach unserer Ankunft verlassen, folgten bereits die ersten
Vorboten des am nächsten Tag stattfindenden Spiels. Jugendliche Colo-Colo hatten auf den Flaniermeilen kleine Vereinsfahnen ausgebreitet und baten um kleine Geldspenden für die Eintrittskarte. elbige gab es am weit außerhalb gelegenen "Estadio Monumental" oder aber extra für die betuchteren Personen in verschiedenen Läden im Zentrum. Als Grund wurden die vorm Stadion oftmals aggressiv bettelnden Kids genannt, die man den normalen Haupttribünenbesuchern nicht zumuten könne. 19,00 Euro kostete die Zugangsberechtigung für den unteren Teil der Haupttribüne. Ruhig blieb es dann am Vorabend des Spiels, dass heißt auf gegenseitige überfälle wurde aufgrund der großen Repressionen in Chile verzichtet. Ein Abkommen mit der Polizei, das in diesem Falle alle Fahnen, Bänder und Trommeln erlaubt, im umgekehrten Fall aber sofort verbieten würde machts möglich und ist für hiesige Geschmäcker schon relativ ungewöhnlich. Die Barra der heutigen Gäste "Los de Abajo" (bedeutet
soviel wie: "Die von unten") gründete sich im Jahr 1988 als Zusammenschluss einiger junger Fans, die sich am "Barra Brava"-Style aus Argentinien orientierten. Gewählt wurde der Name, weil die Gruppe anfangs im Sektor unterhalb der eigentlichen älteren Fangruppen ihren Standort hatte. Passend dazu ging es "La U" zu diesem Zeitpunkt sehr schlecht, sowohl sportlich als auch finanziell. Für den heutigen Tag wurde für alle La U-Anhänger ein Marsch zum Stadion anberaumt, an dem sich etwa 3.500 der letztlich 6.000 Gäste beteiligten. Zu nennenswerten Zwischenfällen kam es dabei nicht. Am Stadion selbst hatte die Polizei alles unter Kontrolle. Ständige Präsenz, zahlreiche Straßensperren und häufige Kontrollen sorgten für Ruhe vor dem Spiel. Imposant war es zu beobachten, wie die "Los de Abajo" mit ihren Autos an den Sperren vorbeifuhren, massig Leute in den Kofferräumen gedrängt, die riesigen Trommeln auf den Dächern und eigens zu einem gesonderten Eingang gelotst wurden. Nebenher rannte ein Trupp sogenannter "Soldaten", deren Aufgabe es ist, dafür Sorge zu tragen, dass alles an Materialien unbeschadet den Weg in den Sektor findet. Auf der anderen Seite geht?s derweil weniger relaxter daher. Vielleicht liegt es an den Vereinsfarben (schwarz und weiß), aber die Grundstimmung ist hier um einiges aggressiver, die Gesichter durchzogen von viel Hass. Alles läuft hurtig zum Stadion, eine bislang selten erlebte unbehagliche Atmosphäre. Auf Heimseite regiert die "Garra Blanca", die weiße Kralle. Das Vereinswappen ziert ein Indianerhäuptling des Mapuche-Stammes (Ureinwohner Chiles) der einst auf den Namen Colo Colo hörte. So ist es dann auch ein absoluter Genuss, als plötzlich im Stadion alle Zuschauer ein Indianergeräusch nachahmen. Dürfte es auf der Welt so wohl kein zweites Mal geben. Im Stadion ist die Atmosphäre schon eine Stunde vorher mehrmals kurzzeitig am Kochen. Immer wieder Provokationen beider Seiten, u.a. durch wilde Gesten, aber auch durch das Zeigen geklauter Zaunfahnen. Ungewöhnlich ebenfalls, dass die Polizei es seit einiger Zeit verboten hat, Fahnen an den Zäunen aufzuhängen, weshalb nun alle ihre Stoffe in den Händen halten. Nicht einmal wird der Versuch gewagt, sich gegen die Anweisung zu widersetzen, obwohl kaum Polizei innerhalb des Grounds präsent ist. Man erklärt es aber mit völlig neuen und unsinnigen
Verboten, die dadurch entstehen würden. Tja, wer hätte gedacht, dass die Fußballwelt auch hier schon so gemaßregelt ist... Dafür folgte mit Einlaufen beider Mannschaften ein Intro der absoluten Spitzenklasse. Kassenrollen, massig Rauch in den jeweiligen Vereinsfarben, Fanatiker kraxeln in mehreren Metern Höhe auf den Zäunen und dazu natürlich Gesänge aus abertausenden von Kehlen. Das ist Fußball! Während der 90 Minuten sorgt die Architektur des Stadions leider für einen Dämpfer unserer Erwartungen. Nur wenn sich die komplette Hintertorkurve von Colo Colo am Support beteiligt wird es richtig laut. Sonst verebben die Gesänge leider viel zu oft aufgrund der ungünstigen Bauweise in luftiger Höhe. Gleiches Schauspiel auch bei den Gästen. Rockt und toben alle der anwesenden 6.000 Rot-Blauen ist Pfeffer und Zunder drin, ansonsten muss man schon angestrengt hinhören. Nichts desto trotz ist die von Liebe und Hass geprägte Atmosphäre richtig geil. Hier geht jeder mit. Stöhnt auf oder stimmt in den Gesang mit ein. Ein etwas flotteres Spiel hätte der Stimmung wohl noch den letzten heute fehlenden Kick gegeben. Gerade die Gäste, deren Mannschaft als Verlierer den Platz verließ blieben ab der 60. Minute sehr ruhig, waren kaum noch zu hören und sang nur noch die Barra, höchstens 300-400 Fanatiker inbrünstig ihre Lieder. Im Unterschied zu Argentinien werden diese übrigens nicht so lang gesungen, auch mal durch Klatschrhythmen ergänzt und selbst für nicht der spanischen Sprache mächtigen hört man einen Unterschied zu den argentinischen Stadionliedern, vor allem aufgrund des unterschiedlichen Spanisch, welches beide Länder sprechen. Die argentinischen Versionen klingen doch um einiges melodischer und runder, aber das ist wohl Geschmackssache. Optisch rundete Colo Colo das Treiben mit einer riesigen und wunderschönen Blockfahne über die gesamte Gegengerade ab. Das der Sieg über den Rivalen enthusiastisch gefeiert wurde ist obligatorisch und es war ein Genuss zuzusehen, wie ein gesamtes Stadion mit 35.000 Leuten komplett abdreht. Mit Abpfiff waren dann auch die Gäste in Nullkommanix verschwunden, während auf Heimseite (traditionell in
Argentinien und Chile) die Pforten noch geschlossen blieben und lediglich die Haupttribünenbesucher das Stadion verlassen durften. Was sich dann noch am gleichen Abend in Santiago abspielte bekamen
wir selbst erst aus deutschen Medien mit. Drei tote La U-Anhänger gab es zu beklagen. Einer wurde von seinem Cousin ermordet, ein anderer auf der Straße mit Latten erschlagen und der Dritte mit einem gezielten Schuss aus einem Fenster einfach über den Haufen geschossen. Mag sein, dass man hierzulande normalerweise über solchen Meldungen hinwegliest oder kurz den Scheibenwischer zeigt und sich lapidar denkt, dass die da unten doch spinnen. Ist man jedoch selbst vor Ort und hat auch das große Glück mit Einheimischen Führungsleuten reden zu dürfen, fühlt also das Derby am Tag quasi richtig mit, dann handelt es sich um eine Sache, die ziemlich an die Nieren geht. Trotzdem ein ziemlich interessanter Einblick in eine andere Welt und ein Clasico, den man auf jeden Fall mal gesehen haben muss.
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BFU No. 12
Griechenland
Wirft man einen Blick auf die Meister der griechischen Liga, so sticht einem gleich ins Auge, dass seit 1928 fast alle Meisterschaften nach Athen gingen. So gab es bis zum heutigen Tage lediglich 6 Meister die nicht aus der Hauptstadt kommen, fünf davon kommen aus der zweitgrößten Stadt Thessaloniki nd einmal ging der Pokal nach Larissa. Dieses ist einer der Gründe, warum Anhänger aus Thessaloniki oder aus Kleinstädten die großen drei (Panathinaikos, Olympiakos und AEK) aus Athen hassen. Umgekehrt ist es eher die Genugtuung besser zu sein als der Rest. Neid und Hass der Gegner schwappen einem so wehement und alltäglich entgegen, dass es eine Art Befriedigung bedeutet sie zu verspotten und einen eigenen Hass ihnen gegenüber zu entwickeln. Viele Spiele sind auf den Rängen auf den Fugen geraten weil jemand beschimpft wurde, ob es der grüne Hase war, der schwule Hafenarbeiter oder der Bulgare.
Wenn man sich in der Szene nach Ausschreitungen umhört und versucht hinter den Grund zu kommen so ist doch sehr oft die Antwort: "Unser Verein wurde beschimpft, unsere Ehre verletzt" oder "Wir wurden beleidigt und erniedrigt." , aha wird der ein oder andere Fussballanhänger in Deutschland sagen, dann ticken die nicht ganz richtig und es knallt da jedes Wochenende wegen verletzter Eitelkeiten. Fast richtig, anderes Land andere Sitten. Es zieht sich einmal quer durch alle Gesellschaftsschichten, dass die Leute einem Fussballverein ihr Herz geschenkt haben...ja, ihr lest richtig: geschenkt! Gehört der Verein bei vielen mit zur Familie und Familien in südeuropäischen Ländern sind heilig, also ist es der Fußballverein auch. Da kommt die Frage auf, wieso ist dann das Karaiskakis oder OAKA nicht regelmäßig ausverkauft? Ganz einfach auch da geht es nach Bekanntheitsgrad und "Hassgrad" des Gegners. Was allerdings im Gegensatz zu einigen Kurven hier nicht bedeutet: Langweiliger Gegner = scheiß Stimmung...im Gegenteil, die Kurven sind dann immer noch emotionaler und voller Pathos als viele deutsche 0815 Kurven. Bei den Derbys und Hassduellen kommen dann alle aus ihren Löchern gekrochen und man sieht den 50 jährigen einen Stein werfen oder 90Minuten mitsingen, Passion pur! Fragt man einen Anhänger in Griechenland nach dem Grund warum die vermeintlich Kleinen die Großen hassen wird er sagen: "Das ist doch alles schon vorab geklärt wer welchen Pokal gewinnt und wer absteigt. Eine Hand wäscht die andere und jeder Politiker hat seinen Lieblingsverein". Und tatsächlich vergleicht man die Meister und die zu diesem Zeitpunkt regierende Partei, so fällt recht zügig auf, dass während der Legislaturperiode der sozialistischen Partei PASOK (1996-2004) nur einer Meister wurde: Olympiakos Piräus der Verein der Hafenarbeiter Griechenlands. Dies hat neuen Schwung in die Rivalität gebracht, hat das gemeine Volk doch versucht sich gegen die gesteuerte Meisterschaft aufzubringen. Gebracht hat es, wie die Statistik zeigt - nichts. Bekräftigt wurden die Skeptiker ebenfalls durch die schlechten internationalen Auftritte der griechischen Meister, hat der Vize doch meist besser im internationalen Geschäft abgeschnitten und das könne schlichtweg nicht sein, oder? Dieses Denken sorgte bei den "benachteiligten" Vereinen und deren Anhängern für Unmut, man hasste als Nicht-Athener die Hauptstadt. Schließlich werden die großen Vereine von allen bevorzugt: Ligaverband, Staat, Sponsoren, etc. und meinem Verein wird in die Eier getreten. Das im griechischen Fussball alles möglich ist hat die Vergangenheit bewiesen, Vereine mit ein paar 10.000? Schulden wurden ins Niemandsland der griechischen Ligen verbannt und große Vereine wie AEK dürfen einen Schuldenschwanz von mehreren Millionen hinter sich herziehen ohne Konsequenzen tragen zu müssen. Hinzu kommt, dass noch vor einigen Jahren Spiele im Nachhinein am grünen Tisch zurecht gerückt wurden, meist zu Gunsten des größeren Vereins. Schicksal oder Absicht? Die modernere Art ein Spiel in die richtige Bahn zu lenken ist den richtigen Schiedsrichter für diese Partie anzusetzen. Ich habe schon unterklassige Spiele gesehen bei welchen es um den Aufstieg ging und welche durch die Leistung des Schiedsrichters beeinflusst wurden. Und damit meine ich nicht das in Deutschland so übliche Schiedsrichtergejammere einiger Personen nach dem Spiel am Stammtisch oder im world wide web sondern "richtiges verpfeiffen" eines Spieles. Da sind mal eben 1-2 Elfmeter gegeben (obwohl der Spieler allein im 16er war) um den Spielstand zu drehen oder bei jedem Tor der Gäste wird Abseits gegeben?
Man könnte Seiten füllen mit den Entscheidungen der Schiedsrichter und auch mit Spielen bei welchen der Schiedsrichter nach dem Spiel überfallen und verprügelt wurde. Hier hat sich auch gezeigt, der Grieche ist zeitlos. Vor 30 Jahren wurde der Schiedsrichter verprügelt, heute ist es immernoch so. Zu den schon geschilderten Punkten kommt ein absolut ungesundes Verhältnis zum Staat und dessen Exekutive. Auch hier liegen die Wurzeln in der Geschichte Griechenlands: Während der griechischen Junta gab es am 14.11.1973 einen Aufstand im Polytechnion, der Uni Athens. Drei Tage darauf stürmten Panzer und Soldaten das Gelände, töteten dabei Zivilisten und Studenten, seitdem ist das Verhältnis zu jeglicher Art der Exekutive mehr als Gestört. Ein Gesetz untersagt es heute noch der
Exekutive das Gelände einer Uni zu betreten, mit diesem Wissen verbarrikadierten sich die Strassenkämpfer während der Randale für Alexandros auch in Universitäten. Nach der Exekution des Jungen kam es in ganz Griechenland bekannter Weise zu Ausschreitungen die Tage bzw. Wochen anhielten. Hierbei kämpften Fussballanhänger verfeindeter Gruppen miteinander, der Hass auf die Staatsmacht verbündete auf den Strassen. Medien sprachen von Bürgerkriegsähnlichen Zuständen, die Innenstädte von Athen und Thessaloniki glichen einem Schlachtfeld. Hier zeigt sich das Verhältnis Exekutive zu Bürgern/Medien: In anderen Ländern hätte man einseitig von dem Vorfall berichtet und Alexandros die Schuld zugeschrieben. Anders hier, die beiden Beamten wurden sofort festgesetzt und weitere Maßnahmen eingeleitet. Die Presse berichtete fast einseitig gegen die Polizei. Die aktiven Gruppen vieler Vereine forderten die Aussetzung eines bzw. mehrerer Spieltage aber dies sollte nicht geschehen, auch der Bitte nach einer Landesweiten Schweigeminute wurde durch den Verband nicht nachgekommen und teilweise in Eigeninitiative von den Vereinen durchgeführt. Doch es geschah etwas, was für uns in Deutschland noch weit unvorstellbarer ist: Vereine forderten offiziell die kommenden Spiele ohne Polizeipräsenz auszutragen, einige unter ihnen mit der Begründung man wolle keine Mörder im Stadion haben und somit Ausschreitungen verhindern. Der Hass gegenüber den Beamten war und ist immens groß. Die Vereine die keine Beamten zu ihren Spielen einsetzten erlebten ruhige Spieltage mit Protesten gegen die Exekutive und nicht mehr. Diese, welche sich aus welchen Gründen auch immer dazu entschlossen Polizisten einzusetzen haben sie wahrlich in die Apocalipse geschickt. Bei Pao, Aek, Paok und Olympiacos gab es Übergriffe auf Polizisten vor, während und nach dem Spiel. Die Anhänger kannten kein Pardon und alles was eine Uniform an hatte wurde gejagt und teilweise mit schwersten Verletzungen ins Krankenhaus befördert. Auch hier berichteten die Digital- und Printmedien pro Anhänger, schließlich sei es eine Provokation der Polizei sich nach solch einem Ereignis in die Nähe der Kurven zu wagen.
Egal was die Polizei zu diesem Zeitpunkt in Bezug auf Fussball machte wurde als falsch und eskalierend dargestellt. Für viele Szenen eine willkommene Einladung die mehr als genutzt wurde. Aktive Gruppen nutzen auch jetzt 4 Monate nach dem Ereignis das Geschehene als Vorwand für Ausschreitungen.
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BFU No. 11
Von Vereinen, der Identifikation und der guten alten Zeit...
Was waren das früher noch für Zeiten? Es ist noch kein Jahrzehnt her, da fuhr man noch relativ unbeschwert zum Fußball, feierte seine Siege, betrauerte seine Niederlagen und blieb ansonsten von fast all dem Scheiß verschont, der es heute schafft, uns das ganze Spiel madig zu machen. Man beschäftigte sich nebenbei weniger mit Problematiken den Verein betreffend, als eher damit, die nächste kulturelle Verfehlung zu begehen, wenn man wieder dick bei Umbro und Konsorten einkaufte oder mit Onkelz und Ballermannhits bewaffnet zur Auswärtsfahrt blies. Politisch unterschied sich ein großer Teil Ultrà-Deutschlands nicht wirklich vom bestehenden Parteiensystem (böse Zungen sollen behaupten, es sei heute größtenteils noch immer der Fall), ab und zu ein paar Ausreißer nach links, einige mehr nach rechts, jedoch die große "Politisierung" sollte erst
später einsetzen, als das Verhältnis zu Politik und Exekutive sich extrem verschlechtern sollte. Es war damals bei Weitem nicht die "coolste" Zeit, vielleicht die, auf die man am wenigsten stolz ist im Nachhinein, jedoch war es die mit Abstand Unbeschwerteste. Man zog zu Auswärtsspielen, jagte zwei bis fünfzehn Kilogramm Rauch in die Luft, sang seine
(teilweise unterirdisch schlechten) Lieder und fuhr entspannt nach Hause. Auch wenn das Verhalten längst nicht von allen geschätzt wurde, hatte man dennoch seinen Platz im Gefüge, weshalb es nicht wirklich schwierig war, eine Bindung zum Verein und zu all dem Drumherum aufzubauen. Nun wird gerade den Jüngeren in unseren Reihen häufig vorgeworfen, dass sie sich kaum mit den entsprechenden Vereinen identifizieren und eine "Nur-noch-Ultrà- Generation" darstellen. Wenn ich mich jedoch in ihre Lage versetze, wüsste ich auch nicht, wie man es heute beim Fußball noch schaffen sollte, außerhalb der eigenen Gruppe Identifikationspunkte zu finden. Kommt man heute in die Fußballwelt, ist man
direkt konfrontiert mit übelstem Neckermann - Publikum. Die Charaktere, die den Fußball früher attraktiv machten oder das Anarchistische in den Kurven ist so gut wie verschwunden. Alles ist reglementiert. Trotzdem gibst du alles: dein Taschengeld geht für Tickets und Fahrten drauf, deine Fehlstundenanzahl steigt ins unermessliche, genauso wie die Anzahl der Stunden, die du für Choreographien und ähnliches aufwendest. Deine Freundin findet das alles dann auch irgendwann scheiße und macht sich von dannen. Zum Dank für alle deine Opfer kommt dann irgendwann ein Manager, meist irgendein Schmarotzer, dessen eigener Vereinsbezug monatlich auf seinem Konto erscheint und spuckt dir in Form von
Stadionverboten, Ticketpreisen, Anstoßzeiten oder denunzierenden Pressemitteilungen erst einmal kräftig ins Gesicht. Kein guter Start, oder? Andere Identifikationsfaktoren sind mittlerweile auch rar geworden. Stadien werden munter umbenannt, Clubs versuchen, nachdem sie bereits die Umwandlung zu gewinnorientierten Unternehmen vollzogen haben, die 50+1
Regel zu ändern, um sich weiter prostituieren zu können. Die Frage, welche soziale Verantwortung gegenüber der Fanszene ein Großinvestor mitbringen würde, beantwortet sich allein schon dadurch, wenn man sich vor Augen führt, welcher sozialen Verantwortung (nicht zu verwechseln mit PR-Geschichten) die kapitalistischen Fußballunternehmen heute noch nachkommen. Spieler, die mal mehr als drei Jahre bei einem Verein bleiben, werden zur Seltenheit. Dass Mannschaften im Ganzen den Verein wechseln (oder Vereine die Städte) scheint zumindest vom Prinzip nicht mehr unmöglich. Da hilft dann auch ein Peter Neururer nicht, der alle sechs Wochen, nachdem er bei einem neuen Verein unterschrieben hat, in jedes, sich in der Nähe befindliche, Mikrophon rülpst, wie sehr er Stadt und Verein liebe und bereits als Kind in XYZ-Bettwäsche geschlafen habe. Identifikationsstiftende Figuren sucht man somit beim Personal für gewöhnlich vergebens. Jedoch egal ob alt oder jung, die Gesamtsituation ist momentan für alle schlichtweg unbefriedigend. Auch unter der Generation, die damals recht unbeschwert loslegte, scheinen sich verschiedene Arten herauszubilden, wie man mit der derzeitigen Situation umzugehen habe. Einerseits gibt
es die Fraktion, die es schafft, Repression, die asozial-gewinnorientierte Vereinsführung oder die Söldnertruppe von "dem Verein" zu trennen, wodurch sich die Frustration
vielleicht nicht im selben Maße ausprägt, wie bei der zweiten Fraktion, die sich durch die Ignoranz und Undankbarkeit, die ihnen entgegenbracht wird, einfach nur tief verletzt
fühlt. Sie fragt sich, was sie das da unten noch interessieren soll, wenn man selbst nichts mehr wert ist in diesem Verein. Es ist ein Wirtschaftsunternehmen wie Kaufhof oder
Coca Cola, denen bringt man schließlich auch keine Sympathie oder gar Liebe entgegen. Der Fokus beginnt sich zu verschieben: Die Rolle, die früher Vereinsverantwortliche und
Spieler besetzten und nun anscheinend nicht mehr einnehmen wollen, muss man nun selbst einnehmen, nämlich die des Vereins. Es ist nun Aufgabe der Ultras herauszustellen, was
diesen Verein ausmacht, aus welcher Stadt er kommt, welche Wurzeln ihm zu Grunde liegen und welche Eigenarten man besitzt. Es bleibt ihnen überlassen aufzuzeigen, wie es früher war und wo man wieder hinmöchte. Zurück zu freien Kurven und sozialer Verantwortung, zurück zu dem, was den Fußball so magisch machte. Man mag letztendlich von der letztgenannten Fraktion halten, was man will. Ob man nun sagt "Ihr seid nur Selbstdarsteller" oder "Ihr seht es eigentlich richtig", ist nebensächlich, weil für sie der Weg, sich selbst in den Mittelpunkt zu rücken und an einer besseren Zukunft zu arbeiten, wohl die einzige Möglichkeit ist, eine tiefe Sinnkrise zu vermeiden, aus der man wohl nicht mehr herauskäme. Doch was ist zu tun? Wie können wir die Krise überwinden oder zumindest erreichen, dass man mal wieder eine Wurst oder ein Bier im Stadion kaufen kann, ohne sich beim Gedanken an den Geld scheffelnden Caterer zu übergeben oder sich über ein Tor zu freuen, ohne im Hinterkopf haben zu müssen, welchen Schwarm an Erfolgsfans und Einschränkungen dies später für die Szene bedeutet? Engagiert man sich am besten in den Vereinen und / oder den Fanszenen? Hofft man auf eine glückliche Fügung? Warten wir auf
den finanziellen Niedergang, die platzende Geldblase? Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Den richtigen Weg werden wir wahrscheinlich erst erkennen, wenn es für einige vielleicht zu spät ist, wenn einige bereits an der Sinnkrise zerbrochen sind. Aber eines ist sicher: unsere Passion ist ungebrochen, das Spiel selbst hat nicht an Faszination eingebüßt und schon gar nicht der Reiz, unsere Vorstellungen umgesetzt zu sehen. Wir werden den steinigen Weg hin zu einem Fußball nach unserer Vorstellung gehen. Wir haben auch keine andere Wahl, denn Ultras ist Leben! -O.P. (Red.)
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BFU No. 10
Argentinien 2008
Ankunft: 20 Uhr, Mittwoch abends. Ich verlasse den Flughafen von Buenos Aires und fahre mit Bus in die Innenstadt. Die Stadt fasziniert mich vom ersten Moment an, schon auf dem Weg: es geht über Autobahn, über Land, den Stadtring, durch Vororte und über die größte Straße der Welt, mitten durch die Innenstadt, bis man endlich am Ziel ankommt. Relativ schnell begreife ich, dass es die Gegensätze sind, die ihr Augenmerk auf sich ziehen: arm lebt direkt neben reich, Natur neben Stadt, auch durch die Architektur zieht sich dieses Muster. Besonders in der ersten Woche, also der Eingewöhnungsphase, nehme ich ständig neue Elemente in mich auf, die ich in Europa nie gesehen hab. Schnell lerne ich, dass diese Stadt etwas anders tickt, dass die Menschen total unterschiedlich sind und dass man auch hier auf keinen Fall verallgemeinern sollte. Der erste Eindruck der Stadt macht mir etwas Angst bezüglich der Sicherheit, die aber schon am nächsten Tag widerlegt wird. Selten hab ich mich in einer Großstadt so wohl gefühlt, besonders als europäisch aussehende Frau waren alle Sorgen gänzlich unbegründet. Trotzdem fiel mir die Eingewöhnung dort deutlich leichter, als die Wieder-Eingewöhnung in Deutschland. Die erste Nacht verbrachte ich mitten im Zentrum im Hotel, als es am nächsten Tag auch schon auf Busreise nach Rosario ging: drittgrößte Stadt Argentiniens ca. 300 km nördlich von Buenos Aires gelegen. Kurz vor Knapp angekommen erlebte ich mein erstes Spiel in Argentinien: Newell´s Old Boys gegen Boca Juniors. Mit Spielberichten will ich hier gar nicht groß anfangen, nur so weit meinen Eindruck schildern, als dass ich gleichzeitig mit Tränen in den Augen und Gänsehaut am ganzen Körper auf dem Pressedach stand und das Geschehen in der Heimkurve staunend, mit offenem Mund verfolgte. Noch nie hatte ich so eine Menschenmasse gesehen, die gleichzeitig völlig im Einklang ein Lied sang, hüpfte und einfach frei drehte. Es fällt schwer, die richtigen Eindrücke zu vermitteln, wenn der geneigte Leser dies selbst noch nicht erlebt hat. Immer wieder erfuhr ich dergleichen während der Tour, auch wenn es nur Momente von einigen Minuten waren, so konnte man doch erahnen, was in einem Stadion möglich ist, was tausenden von Menschen auf einmal bewirken können und welche Kraft eigentlich hinter so einer großen Masse steckt. Auf den 2. Blick Aber auch kleinere Szenen, die ich vor allen Dingen gegen Ende des Aufenthaltes kennen lernte, hatten Einiges zu bieten. Beeindruckend hierbei die absolute Identifikation mit dem Verein: das ganze Stadion ist in Vereinsfarben angemalt, von Tribüne über Gegengerade und Gästeblock, die Zäune sind komplett mit Zaunfahnen behangen, die für uns vielleicht etwas gewöhnungsbedürftig scheinen, aber dennoch die unbegrenzte Liebe zu ihrem Club, ihrem Viertel und ihren Farben ausdrücken, grad der Block der Barras erstrahlt wortwörtlich in den Heimfarben, bedingt durch die zusätzlichen Bänder, Fahnen und Schirme.
Die Vielfältigkeit dieses Landes zeigte sich in jedem erdenklichen Detail. So war es auch nicht weiter verwunderlich, dass die Barras so verschieden waren wie nur möglich. Sah man bei dem einen Verein eher Gangs von Straßenkindern in den Kurven stehen, waren es bei dem nächsten fast nur 30-jährige Brecher und wiederum beim Dritten ganz "normale" Argentinier wie man sie überall auf der Straße antraf. Auch dieses berüchtigte Image von den 40-jährigen Knastbrüdern, die einen abstechen, wenn man sie nur anguckt, war bei mir ganz schnell widerlegt. Klar, bei Boca hatte ich schon den Eindruck, dass mit denen nicht ganz so gut Kirschen essen ist, aber das liegt sicherlich auch an deren Herkunft und der Größe der Barra, bzw. was sich deren Anführer erarbeiten mussten. Egal welcher couleur die Barra angehörte, so war ihr Auftreten doch immer wieder faszinierend: in Sekundenschnelle leerte sich das Zentrum des Blocks, wenn die Barra im Begriff war einzulaufen, die Trommeln voraus, die Trompeten, Saxophone und Posaunen hinter her und letztlich die Masse. Einige verstanden es auch sehr gut, sich noch besser in Szene zu setzen. So sah man z.B. bei Talleres Córdoba wie sich die Barra unten in der Ecke des Blockes sammelte mit icherlich 30 Schwenkfahnen (was in Argentinien schon ungewöhnlich viel ist), dort einige Minuten wartete, bis alle da waren und dann einzog. Leider waren bei diesem Spiel die Trommeln verboten, was man stark bemerkte. Die Trommeln, große Pauken, mit denen die Kutten hier in Deutschland Schreckliches veranstalten, sind eines der wichtigsten Mittel, um die Unterstützung der Mannschaft zu koordinieren. Grad bei Talleres, wo es drei Gruppen in jeweils verschiedenen Ecken des Stadions gibt, hätte man an diesem Abend doch lieber die Trommeln dabei gehabt. Auch die Trompeten wirken besser als jedes Megaphon es jemals könnte: im ganzen Rund hört man, welches Lied momentan gesungen wird. Den nötigen Schliff geben dann noch Trillerpfeife, Becken und Samba- Trommeln, womit dann das Gesamtwerk zum Abgehen vollendet ist.
Eine weitere beeindruckende Leistung der Barras ist sicherlich ihr Durchhaltevermögen und ihre außergewöhnlichen Leistungen. Einige stehen zwei Stunden lang auf Wellenbrechern, halten sich an den Bändern fest oder eben nicht, wenn es zu voll ist, hüpfen dort herum und feuern die Masse vor ihnen an. Andere hängen 90 Minuten am Zaun oder überklettern eben diese, Stacheldraht und Mauern, um sich den besten Platz zu sichern oder eben ihren Banner gut sichtbar anzubringen.
Fazit - oder ist doch ein anderer Fußball möglich?
Insgesamt lässt sich sagen, dass man von Deutschland aus ganz andere Eindrücke oder sich gänzlich unterschiedliche Meinungen über die Fans dort bildet. Es ist etwas komplett anderes, das alles live zu erleben und sogar mit den Leuten zu reden wie wir in Santiago de Chile die Möglichkeit hatten. Sicherlich kann man auch sagen, dass jedes Spiel etwas total Verschiedenes ist. Zwar gewöhnt man sich nachher an die Bänder und die Samba-Rhythmen aus den Kurven, aber jede Gruppe hat ihren ganz eigenen Stil und jeder Verein seine eigene Szene. Sicherlich ist dies auch in Deutschland so, aber den argentinischen Fußball mit dem Deutschen zu vergleichen wäre wie den englischen Support dem italienischen Tifo gegenüber zu stellen. Ich kann lediglich versuchen, meine subjektiven Eindrücke zu schildern, was den dortigen Fußball von unserem unterscheidet. Was auf den zweiten Blick sehr wohl auffiel war die Macht, die die Barras dort innehaben. Besonders deutlich wird dies, wenn die Präsidentenwahlen anstehen, so wie es der Fall war, als wir dort waren. Man sieht ganz klar, welcher Präsidentschaftskandidat von der führenden Gruppe unterstützt wird bzw. mit welcher er ein Abkommen hat. Es geht nicht nur lediglich um Macht, sondern auch um sehr viel Geld. Vor allen Dingen bei River konnte man sehen, was die leitende Parole war: bei jedem Spiel (auch Länderspiel im Monumental) hängen große Zaunfahnen mit dem Namen oder Konterfei von Antonio Castelli, eben jener Kandidat, der von den "Borrachos del Tablón" unterstützt wird. Auch die Mauern um das Stadiongelände, die zum großen Straßenring von Buenos Aires hin liegen, wurden kürzlich erst über mehrere hundert Meter mit dem Namen bzw. seinem Wahlslogan "verschönert". Generell lässt sich feststellen, dass die aktiven Fans deutlich mehr Einfluss auf das Vereinsgeschehen haben. So wird eben die Präsidentschaftswahl von den Vereinsmitgliedern ("socios") durchgeführt und somit entsteht auch ein richtiger Wahlkampf um die Gunst der Wähler. Inwiefern dort allerdings Geld fließt bzw. der Wahlkampf insofern Trug und Schein ist, als dass eh nur die Barra auf der richtigen Seite stehen muss, vermag ich allerdings nicht einzuschätzen, da mir dafür schlicht und einfach das Hintergrundwissen fehlt. Interessant war jedoch fast täglich in der "Olé" zu lesen, was sich bei den Barras abspielte. So gab es nicht nur im Vorfeld um das Derby River - Boca viele Reibereien (auch untereinander), sondern bei Independiente ging es z.B. um eben jene Präsidentenwahl, wo dann einfach mal ein Ex-Barra auf der Geschäftsstelle fast abgestochen wurde ? vom Chef bzw. "capo" höchstpersönlich. Und das eben nur, weil sein Cousin, der grade aus dem Gefängnis kam und seine Macht zurück erobern wollte in der Kurve, den falschen Präsidentschaftskandidaten unterstützte...
Hinchas fanáticos
Auch am Beispiel der ?Olé? lässt sich ein weiterer Unterschied aufzeigen: die Olé ist eine täglich erscheinende Zeitung nur für den Großraum Buenos Aires. Sie ist auch in anderen Teilen des Landes zu haben, aber erscheint primär eben in der Hauptstadt. Die Zeitung ? im BILD-Format ? hat um die 35 Seiten und beschäftigt sich fast ausschließlich mit Fußball, aber auch mit den National-Sportarten Nr. zwei bzw. drei Tennis und Rugby, sowie Volleyball. Natürlich kann man bei täglichem Erscheinen nicht immer unbedingt hohes Niveau der Artikel voraussetzen, aber es war ganz amüsant zu lesen, was sich teilweise zusammen gereimt wurde. So wurden Barras mit Namen genannt und ihr gesamtes Vorstrafenregister aufgezählt. Dabei ist nur verwunderlich, dass mittlerweile lediglich bei Texten über Independiente keine Autorennamen mehr veröffentlicht werden. Diese Zeitung ist jedoch nur ein weiteres Indiz dafür wie fußballverrückt diese Stadt bzw. dieses Land ist. Im Großraum Buenos Aires hat so ziemlich jedes Viertel seinen Verein, manche sogar mehrere. Daher wunderte ich mich, als ich in Nuñez zu einem Spiel der 3.Liga war, dass man auch dort eine Barra antreffen konnte. Immerhin spielen in dem Viertel 2 weitere Vereine, u.a. River Plate. Aber auch bei Colegiales, die ebenfalls 3.Liga spielen, staunte ich über relativ viele Boca-Tätowierungen bzw. sonstige Zeichen der Verbundenheit zu den Juniors. Dort bekamen wir die einzigartigen Gelegenheit, eine Barra vor dem Einlaufen zu beobachten: seitlich der Haupttribüne lag eine kleine Sporthalle, so dass man also von der Treppe der Tribüne genau in diese Halle schauen konnte, wo sich die Spieler aufwärmten. Direkt "zu unseren Füßen" sang sich also die Gruppe ein und machte sich heiß auf´s Spiel. Faszinierend war dabei der total abgedrehte Gesichtsausdruck bei einigen, aber auch, dass eben wieder ganz normale Argentinier unter den vermeintlich "Gefährlichen" waren.
Repression
Ein weiterer interessanter Punkt ist sicherlich die Repression in Argentinien. Grundsätzlich werden Straßenbarrieren ein Block rund um das Stadion errichtet. Die Polizei ist frühzeitig präsent und je nach ?Gefahrenlage? werden dort schon die Eintrittskarten kontrolliert bzw. abgetastet. Da in einigen unterklassigen Ligen Gäste verboten sind, war es sehr verwunderlich, dass zumindest in Liga 2 komplette Hundertschaften, Straßensperren, Wasserwerfer, Hunde- sowie Pferdestaffeln anzutreffen waren. Zudem wird den Heimfans immer eine Blocksperre von 45 Minuten aufgelegt, doch dies variiert auch je nach Anzahl der Gäste. So waren bei Rosario Central lediglich 1.000 Fans aus Tucumán, die recht zeitig den Block verlassen hatten. Als die Polizei dennoch die Sperre nicht aufhob, wurde sie übelst von den Heimfans beschimpft, reagierte jedoch relativ gelassen. Auch beim Spiel Vélez Sársfield gegen San Lorenzo zeigten sich die Ordnungshüter recht entspannt, als die Gästefans noch eine halbe Stunde ihren Sieg feierten (Tabellenerster spielt gegen den 3., 0:1 in der 86. Minute). Dennoch war es ein ungewohntes Gefühl, nach den Partien die Straßen zu betreten und wirklich keinen einzigen Gästefan mehr anzutreffen. Die Tatsache, dass der jeweilige Heimverein die Polizeieinsätze bezahlen muss, führte dazu, dass in Córdoba das Spiel fast abgesagt werden musste: Talleres schuldete der Polizei 20.000 Pesos und brachte irgendwie bis zum Spieltag noch 10.000 auf. Sonst wäre die Partie von der Polizei nicht zugelassen worden, doch auch hier waren keine Gästefans erlaubt, trotzdem hatte das Aufgebot Einiges zu bieten u.a. Pferdestaffel und Gummigeschosse. Die Stärke der Polizeipräsenz ist also auch wie hier in Deutschland teilweise einfach total übertrieben. In Santa Fe war man so frühzeitig am Stadion, dass man beobachten konnte wie die Barras ihre ganzen Fahnen, Bänder etc. vor den Polizisten ausbreiten mussten. Wie schon oben erwähnt, waren leider auch des Öfteren die Pauken bzw. Trommeln verboten.
Gästeverbot
Das Gästeverbot in den unterklassigen Ligen Nacional B, Primera B, C und D gilt seit 2006/2007 aufgrund zahlreicher gewalttätiger Auseinandersetzungen rund ums Stadion. Ausschlaggebend war dabei wohl der Vorfall beim Spiel Nueva Chicago - Tigre, als die Heimfans den Platz stürmten und den Gästeblock mit Steinen bewarfen. Tigre lag mit 1:2 vorne und hatte somit den Aufstieg sicher. Die Angreifer schleuderten alles, was sie finden konnten, in die Gästekurve und später ging die Schlacht auf den Straßen noch weiter. Dabei starb im Stadion Marcelo Cejas, Anhänger von Tigre, was einen gewaltigen Aufschrei gegen Gewalt im Stadion auslöste. In den unteren Ligen sind gar keine Gäste erlaubt, in der ersten Liga wurde die Kapazität um 50% reduziert. Reaktionen In den folgenden zwei Monaten gründeten sich diverse Faninitiativen, die sich gegen das Gästeverbot aussprachen. So unter anderem "Salvemos al fútbol" ("Lasst uns den Fußball retten"), die im Juli diesen Jahres eine Demonstration vor dem Gebäude der AFA (Asociación del Fútbol Argentino) organisierten. Unter dem Motto "Defendamos nuestros derechos y nuestra pasión!" ("Lasst uns unsere Rechte und Passion verteidigen!") trafen sich die Anhänger verschiedener Vereine. Leider erreichten sie ihr Ziel nicht mal ansatzweise. Im Gegenteil: es steht sogar zur Debatte, das Gästeverbot auf die nächsten fünf Jahre auszuweiten, da ein merklicher Rückgang an Gewalt zu verzeichnen ist -72,2%). Der Präsident der COPROSEDE (Comité Provincial de Seguridad Deportiva ? Provinzkomitee der sportlichen Sicherheit) Kommissar Rubén Pérez erklärte, dass die Polizei, die AFA und sogar die Mehrheit der Anhänger das Gästeverbot begrüßten. Die COPROSEDE wurde 2002 mit dem Ziel gegründet, die Gewalt in den Stadien einzudämmen, und untersteht dem Ministerium für Sicherheit. Weiter führt Pérez aus, dass man keine ausreichende Sicherheit bei 40 Spielen am Wochenende im Großraum Buenos Aires gewährleisten könne und seit dem Inkrafttreten des Verbots es deutlich weniger Spielabbrüche gäbe. Sicherlich klingt besonders der letzte Punkt einleuchtend, doch die Fans sagen, dass die Krawalle hauptsächlich von den Heimfans ausgingen. Hört man sich die Ausführungen Pérez´ weiter an, erkennt man
schockierende Parallelen zu Deutschland: "Diese Maßnahmen wären nicht nötig, gäbe es personalisierte und biometrische Eintrittskarten (mit Fingerabdrücken) und
nur noch Sitzplätze." Auch bei den Fans hört man Worte wie man sie hier aus Deutschland gewohnt ist: ?Hay que dejar la camiseta a un lado y defender los derechos de todos." ("Man muss das Trikot beiseite lassen und die Rechte aller verteidigen.?). Die Theorien reichen sogar so weit, dass die Zuschauerquote im Fernsehen steigen soll, weil die Gästefans die Spiele eben dort verfolgten statt im Stadion. Eine weitere Organisation, die sich als Reaktion auf das Gästeverbot gründete, ist die ?Asociación de Hinchas del Fútbol Argentino" ("Zusammenschluss der Fans des argentinischen Fußballs"). Sie steht ebenso dafür, alle Fans, egal welchen Vereins, zu sammeln bzw. zu organisieren. Aus der ersten Liga sind Vereine vertreten wie San Lorenzo, Argentinos Juniors, Huracán, verschiedener Vereine. Leider erreichten schockierende Parallelen zu Deutschland: "Diese Maßnahmen Colo-Colo vs. Universidad de Chile 08/09 (Chile) Estudiantes de la Plata vs. Gimnasia y Esgrima la Plata 08/09 Independiente und Racing, die Zaunfahnen, die jedoch von der Organisation hergestellt werden, sah ich nur bei Talleres Córdoba. Diese Zaunfahnen können in den Vereinsfarben bestellt werden und tragen die Aufschrift "Qué vuelvan los visitantes" ("Auf dass die Gäste zurück kommen"). Sie betonen, dass ihr Engagement ohne finanzielle Gewinnorientierung statt findet und sie auch aus dem einfachen Grund handeln, als dass das Gästeverbot diskriminierend und pauschalisierend ist. Natürlich sprechen sie sich gegen Gewalt aus und wollen durch ihr Handeln auch der Korruption vorbeugen.
Fazit:
In Aussicht auf die nächste Saison darf man gespannt sein, was die AFA entscheiden wird. Ich persönlich befürchte, dass dieses Verbot bestehen bleibt, denn
die offiziellen Zahlen geben den Sicherheitsinstitutionen Recht. Dennoch könnte dies der Todesstoß zumindest für die unterklassigen Ligen sein, denn sechs Jahre
ohne Gästefans sind ein sehr hartes Los. Es bleibt abzuwarten, wie die Entscheidung ausfallen wird und was die Reaktionen der Fans sein werden.
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BFU No. 9
In the year 2025
Wir schreiben mittlerweile das Jahr 2025. Soeben hat die 1.Liga-Partie zwischen Rostock und Braunschweig begonnen. Der Blick auf die Ränge ist vielversprechend, beide Seiten schenken sich schon von Beginn an nichts, die Rostocker Kurve mit weit über 1.000 Aktiven unter Führung der "Suptras" bietet das gewohnt starke Bild, aber auch die gut 400 Ultras aus Niedersachsen stehen dem in nichts nach, reißen ihre großen Schwenkfahnen durch die Luft, zwischendrin das Flackern einiger Bengalen. Der Duft von Bratwurst und billigem Bier schwabbert durchs Areal, die zahlreichen Rentner auf der Tribüne gucken zwar etwas skeptisch auf das Spektakel in den Kurven, blicken dann jedoch schnell wieder hochkonzentriert auf das Spielfeld. Wir können äußerst zufrieden sein, flüstere ich mir selbst zu und erinnere mich in Gedanken versunken an jene aufregende Zeit, damals vor mehr als einem Jahrzehnt...
Die Zeiten waren beschissen. Repressalien, Stadionverbote, Willkür und irgendwo dazwischen standen wir. Wir standen da, versuchten die Köpfe nicht in den Sand zu stecken, doch wir gaben ein jämmerliches Bild ab. Allüberall das gleiche Bild, 200 Ultras zwischen 40.000 seelenlosen Menschen und die Vereinsfunktionäre kreisten wie Geier mit gierigen und zugleich verächtlichen Blicken über unseren Köpfen. Die erste Generation der Ultras war schon längst nicht mehr in den Stadien präsent, die wenigen verbliebenen, alten Kämpfer waren ausgesperrt, unfähig dem eigenen Nachwuchs zu vermitteln, was die Faszination Ultras ausmacht, ja, was das gesamte Erlebnis Stadion überhaupt ausmachte und seinerzeit mit ihnen angestellt und sie in ihre Fänge genommen hatte. Fußball war verkommen, Fußball war ein primitives Unterhaltungsgeschäft und alle Ultras-Gruppen nichts als billige Marionetten, deren Fäden diejenigen in den Händen hielten, die doch zumeist auch Teile ihres eigenen Vereins waren. Narren waren die, die tatsächlich noch glaubten, etwas verändern zu können. Sie standen in Allianz-Arenen, auf Langnese-Tribünen, fluchten über tausende Klatschpappen und doch hofften sie durch Aufklärungsarbeit die Katastrophe abwenden zu können. Dabei waren sie blind. Blind vor Liebe, blind auf all die Vergangenheit, die schönen, und auch schweren Jahre. Blind und unfähig, um den Zustand der um sie herum vorherrschte zu erkennen. Sie hatten das Spiel verloren... doch im gleichen Atemzug begannen sie es wiederzuentdecken. Wir schauten mit skeptischen, aber zugleich auch großen Augen nach Salzburg und nach Leipzig. Wir beteuerten ständig, dass ein solcher Weg für uns niemals in Frage käme, träumten aber heimlich in so manchen Momenten mit unseren engsten Freunden von ähnlichen Verhältnissen. Und plötzlich hatten wir sie. Wie ein Orkan wehte die Euphorie durch das halbe Land. Die Meldung schlug ein wie eine Bombe. "In nur vier Monaten, zum Ende des Sommers startet die 1. Deutsche Fußball-Liga!" Viele Fragen, Ratlosigkeit, innere Unruhe, Freude und die Köpfe voller abstruser Phantasien auf all dass, was dieses Experiment mit sich bringen würde. Der Sommer war heiß und wollte einfach kein Ende nehmen. Im Hintergrund wurde gewerkelt, zahlreiche fleißige Helfer hatten plötzlich nach jahrelangem Frust wieder Freude an ihrem Lebensinhalt Nummer 1, dem Fußball. Und als der Tag dann endlich kam, standen sie da, Reih an Reih auf verschiedenen Sportplätzen quer verteilt über unser Land, die gleichen unwissenden Gesichtszüge, Skepsis, Aufbruchstimmung. Keiner wusste so Recht, was nun folgen würde. Heut lachen wir drüber, damals waren wir kurz davor den kompletten Laden wieder hinzuschmeißen, denn wohin das Auge auch reichte, es herrschte Chaos pur. Sei es bei den Statuten für den Ligabetrieb, bis hin zur Sicherung der eigenen Spielstätten über die komplette Organisation, die so ein eigener Verein nun mal mit sich bringt. Doch es machte Spaß. Aus Spaß wurde Ernst und aus einem Seitensprung die große Liebe.
Die darauffolgenden Jahre bestätigten uns in unserer Entscheidung. Die Liga startete voll durch, es musste gar eine 2.Liga aufgeteilt in zwei Staffeln ins Leben gerufen werden. Das Niveau der Spiele war nicht immer besonders ansehnlich, aber wir hatten wieder dass, was wir uns so lange gewünscht hatten. Richtigen, ehrlichen Fußball. Kleine Tribünen mit Fanatikern, wir konnten unsere Fahnen schwenken und unseren Bengalen zünden, wann immer wir wollten. Der Gewaltverzicht innerhalb der Stadien war okay. Nicht alle mochten ihn des Anfangs, aber dieses Opfer zu bringen, war es schlussendlich allen wert. Ganz Europa schielte zu uns. Es dauerte nicht lang, da zogen sie nach. In Italien, in Rumänien und in Portugal. Der Fußball hatte Europa zurückerobert und vereint. Und während in der Champions League die Episode Chelsea vs. Real Teil 176 gespielt wurde, waren die Livornesi in Deutschland in der ersten Runde des "Europäischen Fußball-Pokals" zu Gast. Die Medien schauten nur tatenlos zu, während sie des Anfangs noch ihre übliche Propaganda-Maschinerie hatten anzuwerfen versucht. Doch welche noch so große Zeitung vermag einen fanatischen Ultras aufzuhalten, wenn er sich seine Welt (wieder)aufbaut? Die Vereine, die sich nun schon längst nicht mehr als Verein betitelten waren ebenso zufrieden. Sie waren uns los, hatten ihre Konsumenten und bedienten das verdummte deutsche Konsumentenvolk, dem es eh egal war, was um sie herum wirklich geschah, so lang guter Fußball von sehr gut bezahlten Profis gespielt wurde.
Braunschweig unterlag den Rostockern nur knapp mit 1-0, die letzten Minuten war es recht ruhig geworden in der Gästekurve, es wurde mitgefiebert und gezittert, auch in den jungen Gesichtern konnte man die Identifikation mit dem eigenen Team ablesen. Wir haben den Fußball zurückgeholt, denke ich mir und begebe mich auf die lange Heimreise...
Zugegeben, es ist nur (m)eine Fiktion, aber ist ob sie so unwirklich ist? Gewiss liegt dies im Auge des Betrachters. Ich für meinen Teil interessiere mich schon längst nicht mehr für den Fußballsport in heimischen Gefilden. Ich kenne nicht einen Spieler von Borussia Dortmund oder dem VfB Stuttgart, um mal zwei Beispiele zu nennen. Mich jucken Samstagabend weder die Ergebnisse der Bundesliga, noch heben mich irgendwelche Spitzenspiele in der Champions League an. Seit über fünf Jahren hab ich kein Spiel im Fernsehen verfolgt. Als sämtliche TV-Sender während der EM 2008 pausenlos über dieses grandiose Ereignis berichteten, sehnte ich dem Finaltag entgegen. Hab ich jetzt euer bestehendes Klischee über den typischen deutschen Ultra bestätigt? Gebe ich damit allen Kutten, normalen Fans und Stadiongängern Recht, die behaupten Ultras seien nichts als Selbstdarsteller, denen der Fußball egal ist? Ist mir egal, nee eigentlich nicht, denn ich feixe in mich hinein und freue mich. Ich bin nicht so wie ihr. Ich bin ein erwachsener Mensch. Mein Respekt vor einem Geschäftsführer bei meinem Verein, der seit nicht mal einem Jahr in Amt und Würden ist tendiert gegen Null. Ich mach mich auch nicht zur Hure von irgendwelchen Firmen, die meine Tribünen mit ihren Slogans verschandeln. Ich zahl ebenso keine utopischen Preise für den Gästeblock einer "Arena" in der die Mannschaft die von meinem Verein bezahlt wird, gastiert. Ich zwäng mit genauso wenig zwischen tausende von Kreaturen, die Fußball lediglich als willkommene Abwechslung zur tristen Woche zwischen "We are Family" und "Mitten im Leben" zählen. Fußballspieler, die im Jahr sechs Millionen verdienen, denen ich je nach Spielweise mal vergöttere, später aber als "Scheiss Millionär" beschimpfe und die sich einen Dreck um meinen Verein scheren, kenne ich nur vom Hörensagen. Auch hab ich das Glück, dass sämtliche Mitglieder meiner Gruppe von Stadionverboten verschont wurden. Und trotzdem: Ich hab schon längst keinen Bock mehr auf diesen großen Haufen Müll. Je länger man auf diversen Tribünen herumturnt und je länger man im Geschäft ist, umso mehr steigt das eigene Anspruchsdenken. Etliche Führungspersonen in Deutschland sind erwachsen, ihre jeweiligen Gruppen genauso. Die Ansprüche an uns selbst, aber auch an die, mit denen wir zusammenarbeiten wachsen und steigen beständig. Während der Großteil der Dummkutten auf gleichbleibenden Level bleibt oder sich von den zahlreichen Schlauköpfen in den Internetforen herunterziehen lässt, so sehr wachsen wir und versuchen den Fußball nach eigenem Gutdünken mitzugestalten. Uns reicht es nicht mehr, am Spieltag ins Stadion zu pilgern, alles willenlos über uns ergehen zu lassen und die Obrigkeit über Wohl und Wehe entscheiden zu lassen. Wir sind mündige Bürger. Nur nicht als diese wahrgenommen. Weder heute, noch morgen. Ihr merkt doch selbst, dass ihr nicht mehr erwünscht seid, oder nicht? Dann geht doch einfach... Was hält euch davon ab? Ist es wirklich die Liebe zum Verein, die bei einigen eh erst seit paar Jahren besteht? Oder ist es die Angst, dass wir uns doch nur die große Liebe selbst vorgaukeln? Wer kann eigentlich ein solches Konstrukt, welches der Großteil der Vereine heute darstellt noch lieben? Ein Gebilde dessen Maschinerie sich einen Scheißdreck für uns interessiert. Der beinahe jeden Tag neue, sinnlose Meldungen über den äther jagt. Täter-Jagd hier, neue rosafarbene Schals da. Sind wir wirklich der Verein? Wir, im Durchschnitt 150 aktive Fanatiker zwischen einer Armada an Konsumenten? Wir kämpfen ständig gegen neue Verbote, gegen Willkür und jammern uns gegenseitig die Ohren voll. Wo bleibt eigentlich unsere Konsequenz?
Ich vermisse meinen Fußball. Der Fußball der einst mir gehörte. Rau, anarchisch, wild und doch charmant. Stattdessen seh ich mich einem perversen Konstrukt gegenüber, dem es von Tag zu Tag mehr gelingt mir seine Faszination zu rauben. Bevor ich mich aber von seelenlosen Gestalten, denen ich im normalen Leben mit Verachtung entgegentrete, beklauen lasse, hole ich mir das Spiel wieder dorthin, wo es hingehört. Zu mir! (Mirko Otto, Red.)
Mut zum Träumen!
Mut zum Kämpfen!
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BFU No. 8
Ultra kann mehr?
Die letzten Jahre haben offenbart, dass Ultra nicht nur hierzulande immer mehr zum überlebenskampf geworden ist / wird. Der Spaß und die Leichtigkeit der Jahre zuvor sind verflogen und man schwelgt zu oft in Erinnerungen an die "guten alten Zeiten", wobei selbst in denen nicht alles glatt lief. Die Auswärtsfahrt beginnt mit der Vollkörperkontrolle am Bahnsteig beim Betreten des Zuges, verläuft weiter ständig unter den Augen der Staatsdiener und endet oft genug in unnötigen Festnahmen aufgrund von Nichtigkeiten. Am Zielbahnhof angekommen wird man von einem unfassbar großen und aggressiven Aufgebot des Staatsapparats erwartet. Leute werden grundlos rausgezogen, man muss von Freunden Abschied nehmen, die aufgrund ihres SVs nicht mit ins Stadion kommen, von Heimfans ist rein gar nichts zu sehen. Am Stadioneingang der nächste Tiefschlag, Transparente jeglicher Art verboten, auch Bauchtaschen und Rücksäcke müssen ohne Beaufsichtigung draußen bleiben. Gedemütigt ob der ganzen Schikanen, die man so hinnimmt betritt man beinahe lustlos das Stadion. Die beschriebenen Szenen kennt mittlerweile jeder und sie hinterlassen, zumindest bei mir, Trauer und viel Wut. Man merkt einfach, dass das Ultradasein zu einem reinen K(r)ampf verkommen ist, der ständig neu ausgefochten werden muss, aber meiner Meinung nach im Endeffekt wohl nicht zu gewinnen
ist. Weiterhin wird deutlich, dass es hier nicht mehr um eine verlorene Schlacht, eine Zaunfahne oder die Ehre geht, es geht um die pure Existenz. Man macht sich Gedanken, wer dieser übermächtige
Gegner eigentlich ist, der uns unseren Lebensinhalt entziehen will, wer steckt dahinter? - Klar, die Polizei ist es und ganz besonders SKB Schmidt, der konnte uns noch nie leiden! - Für mich ist es der Verein, der uns zerstören will. Der mag uns nicht weil wir Zaunfahnenplätze, Stehplätze und mehr Freiheiten für Fans fordern. - Nein, es ist einfach der "moderne Fußball", der Kunden statt Fans will und da wir nicht blind konsumieren, wie die anderen und auch Sachen hinterfragen, müssen wir nun raus. So könnten mögliche Antworten von Ultra-Seite her aussehen. Und alle haben etwas Wahres, etwas Richtiges, jedoch lassen alle 3 Antworten eine umfassende, grundsätzliche Sicht auf die Dinge vermissen. Wen verteidigt die Polizei also, wenn sie wieder mal Fans verprügelt, festnimmt oder einsperrt. Die Menschenrechte oder das Grundgesetz, auf das ganz Deutschland immer noch voller Stolz blickt? Wie wir als Ultras immer mehr gemerkt haben, hat die angesprochene
Repression im wahrsten Sinne des Wortes "System" und wird gezielt gegen mündige Fans eingesetzt. Es werden Spruchbänder mit kritischem Inhalt verboten, gezielt Führungsleute von Gruppen
herausgegriffen bzw. mit Stadionverbot belegt, ja sogar gezielt ganze Gruppen ausgesperrt. Kurzum, die Stadien sollen von kritischen Fans gesäubert werden und das europa? am besten sogar weltweit. Seuchenähnlich verbreitet sich in ganz Europa der staatlich und gesetzlich legitimierte "Abschuss" der Ultras. Abstrakt formuliert geht es stets ums Geld, nämlich um das Geld der wie auch immer gearteten Industrie. Fußball ist und war schon immer ein Volkssport, der heute aber immer gesellschaftsfähiger wird. Ob Familie, Oma und Opa oder Firmenboss der Firma X gehen statt ins Theater lieber in die "Arena" wo sich 22 "Gladiatoren" gegenüber stehen und Spaß und Spannung garantiert sind. Spieler werden zu Helden glorifiziert und sind kurz darauf Marionetten der Werbeindustrie. Hier witterten bereits vor geraumer Zeit viele Leute aus Industrie und Wirtschaft das ganz große Geld, was ihnen die momentane Entwicklung auch nur bestätigt. Und an dieser Stelle kommt der Staat ins Spiel, welcher nicht nur finanziell ein Interesse daran hat, dass Deutschland eine starke Wirtschaft hat. Mal abgesehen von den ganzen Verstrickungen zwischen Parteien und Wirtschaft, wo es mittlerweile zum guten Ton gehört als hoher Parteiabgeordneter (CDU,SPD, FDP?) auch einen Sitz im Aufsichtsrat eines großen deutschen Konzerns zu haben. Staat und Wirtschaft stehen also in einem unverzichtbaren Verhältnis zueinander, quasi einer Symbiose. Mittlerweile ist sogar strittig, wer von beiden nun der mächtigere Part sei. Der Konzern hat allerdings weder Polizei noch Armee, um seine Ansprüche beispielsweise im Fußballbereich mit Gewalt durchzusetzen, aber dafür gibt es ja den Staat mit all seinen Organen, der für ihn einspringt. Und hier kommt erneut die Allgemeingültigkeit ins Spiel. Wir brauchen nicht zu denken, dass wir armen Ultras als einzige auf dieser Welt gegen Kommerzialisierung, Vermarktung und für Tradition kämpfen. Wir kämpfen diesen Kampf eben im Bereich Fußball, jedoch wird dieser Kampf in weitaus größerem und ernsterem Ausmaß beispielsweise in Mexiko (Zapatistas) oder auch im Irak/Afghanistan geführt, wo böse Stimmen behaupten es ginge den USA um wirtschaftlichen Einfluss in der ölreichen Region. Auffällig: Auch hier werden diese Interventionen, entweder mit der "Demokratisierung", dem "Schutz der Menschenrechte" oder mit "Terrorismus" gerechtfertigt. Parallelen darf nun jeder selber ziehen. Hier kann man wunderbar an die öffentlichkeitsarbeit anknüpfen, die in unseren Breitengraden von Zeitungen wie Bild/Stern usw. beeinflusst wird. Wir sind zwar noch keine Terroristen, zu Rowdies, Chaoten oder Hooligans reicht es aber immer wieder. Die staatstreue Presse, früher Propaganda genannt, hat in diesem System die Aufgabe, die Gesellschaft gezielt so zu informieren, dass diese den Maßnahmen des Staates bedingungslos beipflichtet. Zusammenfassend kann man also sagen, dass die Partner Staat, Wirtschaft und Pressewesen ein großes Interesse daran haben, das bestehende Machtgefüge mit wechselseitigem Nutzen aufrechtzuerhalten. Alle, die sich gegen diese Systematik stellen oder sich kritisch dazu äußern, müssen mundtot gemacht werden, da geht es Ultras nicht anders als Tierschützern, Globalisierungsgegnern und anderen politischen Gruppen. Das momentan bestehende System wird Kapitalismus genannt und wie der Name bereits verrät, geht es ums Kapital und zwar nur um das Materielle, sprich Geld, Land, Immobilien usw. Diese Gesellschaft, die sich zu gerne selbst als "gewaltlos" bezeichnet, ist eben genau das Gegenteil. Wir befinden uns gesellschaftlich wieder in der Steinzeit, wo der Stärkere überlebt bzw. besser gestellt ist als der Schwächere. Unsere in Klassen aufgeteilte Gesellschaft, die zurecht oft als "Ellenbogengesellschaft" bezeichnet wird, schafft ein Klima des Egoismus, der Arroganz und der Ungerechtigkeit. Wie in diesem Heft mehrfach beschrieben wurde, steht Ultra aber eben genau für entgegengesetzte und nicht materielle Werte. Bei uns geht es vielmehr um innere Werte. Als Stichwort sei hier die Reihe "Ultra auf ein Wort" erwähnt. Die obenerwähnte Triade merkt, dass sich mit uns kein Geld verdienen lässt und noch schlimmer, dass wir sogar gegen ihre kommerzielle Ausschlachtung kritisch Stellung beziehen. Jedoch weiß sich die Wirtschaft mit Hilfe des Staates (ausführendes Organ: Polizei) und mit geistiger Schützenhilfe der Presse zu helfen. In diesem System ist Geld stärker und mächtiger als alles andere. Und genau hier liegen die Wurzeln für die Repressionswellen der letzten Jahre. Wir, die Spielverderber für Wirtschaft und Staat, sollen aus dem Spiel ausgeschlossen werden, egal was es kostet. Das System ist also der Fehler und Namen wie Veltins- oder Allianz-Arena und überhaupt der von uns sog. "moderne Fußball" sind nur dessen hässlicher Auswuchs. Was wir zur Zeit bekämpfen sind also die Symptome dieses Systems und nicht die Wurzeln. Die Wurzeln würde man mit tiefgehender Kapitalismuskritik angreifen. Wichtig ist dabei, dass man das Problem als ein gesamtgesellschaftliches Phänomen begreift und das auch anderen Kurvenbesuchern als solches vermittelt. Solidaritätsbekundungen beispielsweise bei Nokia in Bochum sind dafür ein Beispiel, denn in solchen Situationen zeigt der Kapitalismus am deutlichsten sein wahres Wesen. Ich möchte jetzt hier kein Loblied auf den Kommunismus / Sozialismus / klassenlose Gesellschaft oder sonstige Gesellschaftsformen singen, jedoch sollte man den Anspruch an sich selbst haben, nicht nur zu kritisieren, sondern auch über Alternativen nachzudenken. Eine systemkritische Haltung sollte allerdings ein jeder Ultra für sich selbst beanspruchen. Eine gewisse Politisierung spielt dabei für mich eine große Rolle und zwar nicht vordergründig in rechts oder links, rot oder braun aber entschlossen gegen dieses System. Denn wer A (gegen den modernen Fußball) sagt, muss auch B (gegen den dahinterstehenden Kapitalismus) sagen. Das Unterstützen entsprechender Aktionen und das eigene Handeln im Alltag sollten diesbezüglich von jedem noch einmal überdacht werden. Weiterführend müsste man nun anführen, dass ein Kampf gegen die Wurzeln des Kapitalismus niemals von so einer kleinen Subkultur wie der Unseren angegangen werden kann. Wenn man jedoch Ereignisse wie die Gegendemonstrationen zum G8 Gipfel in Heiligendamm anschaut, darf man sich sicher sein, dass man mit dieser Bestrebung nicht allein ist! "Wer verbietet hat Angst" ? ein kluger Spruch, den man ebenso gut auf die momentane Entwicklung in Deutschland anwenden kann. In einer Zeit, in der unsere Gesellschaft immer deutlicher in Arm und Reich geteilt wird, Grundrechte beschnitten werden und die überwachung des Staates immer mehr zunimmt, macht sich Unmut breit. Vor diesem Unmut hat der Staat unheimliche Angst, noch schlimmer ist es wenn dieser Unmut jedoch organisiert wird, mit der Forderung Umstände grundlegend zu ändern. Staat und Wirtschaft werden niemals ihre gewonnene Macht wieder hergeben und sei es, dass sie diese mit Gewalt gegen "ihre eigenen Leute" verteidigen. Dafür hat der Staat ja schließlich sein Gewaltmonopol. Diese Tatsache hat uns die Vergangenheit oft genug gelehrt! "Zuerst wirst du ignoriert. Dann wirst du ausgelacht. Dann bekämpft man Dich? und dann hast du gewonnen" (Mahatma Gandhi zur friedlichen Revolution) In diesem Sinne, Ultra kann mehr! - Eastsider/SGD
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BFU No. 7
Repression in Portugal
Es ist der Weltschmerz, der an allen Ecken der
einstigen Kolonialmacht Portugal spürbar wird
und den Stolz der Menschen auch in Zeiten nicht
brechen konnte, in denen das Land bis vor einigen
Jahren noch als Armenhaus Europas galt. Heinrich
der Seefahrer, Vasco da Gama, Ferdinand Magellan
- heute schauen sie im Lissabonner Stadtteil Belém
vom Seefahrer-Denkmal Padrăo dos Descobrimentos
wehmütig in Richtung Rio Tejo, als trauern sie den alten
Tagen hinterher. Wenige Hundert Meter bergauf thront
das Estádio do Restelo, Heimat von Belenenses. Hier,
wie auch im Rest des Landes, trauert man ganz anderen
Zeiten hinterher. Zeiten, in denen sich Ultras im Stadion
noch frei entfalten konnten. Als man seine Farben ohne
Ehrfurcht stolz in den Himmel ragen lassen konnte.
Als man noch nicht Angst haben musste, mit einem
blauen Auge nach Hause kehren zu müssen, weil ein
Schlagstock zu nahe gekommen ist.
Wir schreiben den 13. Januar 2008. Belenenses tritt
zu Hause gegen Naval 1° de Maio an. Die Stimmung
unter den Ultras der Furia Azul 1984 ist gut. Sie soll
noch besser werden. Einer der Capi holt in der zehnten
Spielminute eine Trommel hervor, deren Klänge die
Beine wippen lassen. Doch nicht alle sind begeistert.
Nur wenige Minuten vergehen, dann tritt die Polizei
in Erscheinung. Die Trommel wird einkassiert, die
Personalien des Trommlers ebenso. Er übergab das
Rythmusinstrument ohne Widerstand an die Polizei,
wohl wissend, das dies einen schmerzfreieren Abend
garantiert. Als Deutscher danebenstehend scheinen die
Probleme für Fußball-Anhänger in der Bundesrepublik
im Gegensatz dazu belanglos. Es keimen Erinnerungen
an das Salazar-Regime auf, welches erst 1974 durch
die Nelkenrevolution niedergeschlagen wurde und eine
der letzten europäischen Diktaturen der faschistischen
Bewegung der 30er Jahren beendet hat. Mit Freiheit
und propagierter Demokratie, wie man es sich im 21.
Jahrhundert vorstellt, hat das wenig zu tun. "Repressăo
policial tem que ACABar" ("Politische Repressionen
haben zu enden"; "acabar" = "beenden") forderten
die Red Boys 1992 Braga einige Zeit vorher auf
einem Spruchband. Sie sprechen damit (fast) allen
portugiesischen Ultras aus der Seele.
Repressionen waren in portugiesischen Kurven schon
immer präsent, zu den heutigen, gespenstischen
Verhältnissen kann man aber keinen Vergleich mehr
ziehen. Die portugiesische Ultrá-Bewegung erlebt
dieser Tage einen Moment voller Chaos. Ein Grundstein
dieses übels markiert das Pokalfinale 1996, in dem
Benfica 3:1 gegen Sporting siegte. Ein Sporting-
Anhänger wurde von einer Leuchtkugel getroffen, der
Vorfall warf einen Schatten über die Feierlichkeiten.
Fortan war jede Art von Pyrotechnik in den Stadien
komplett verboten. Ein solches Verbot gab es zwar auch
schon vor 1996, doch konnte man sich mit Ordnern und
Sicherheitsbeauftragten meist arrangieren.
Mit der Europameisterschaft 2004 im eigenen Land
wurde ein Gesetz geschaffen, das die Rechte und
Pflichten von Fußballanhängern regeln sollte. Das
so genannte Gesetz "16/2004" trat in Kraft und Ultras
in ganz Portugal sparten nicht mit Kritik: Es war eine
Beleidigung ihnen und ihren Gruppen gegenüber.
Dieses Gesetz der Schande beinhaltete verschiedene
Paragrafen, die den Fokus auf das Verhalten von
aktiven Anhängern richtete. Sämtliche Informationen
sollen seitdem bei der Datenbank der "Nationalen Stelle
für Sportgewalt" (CNVD) gespeichert werden. Man muss
es wohl nicht extra erwähnen, dass die CNVD eng mit
der Polizei zusammen arbeitet. Mit der Freiheit aktiver
Anhänger und Ultras sollte es von nun an vorbei sein.
Alle Gruppen wurden gezwungen, Informationen über
sich an die CNVD Preis zu geben und sich der Autorität
des Staates zu unterwerfen. Fortan unterschied man
zwischen illegalen und legalisierten Gruppen. "Illegale
Gruppen" dürfen seither bei offiziellen Spielen keine
Präsenz zeigen (z.B. durch Zaunfahnen). Auf der
anderen Seite drohen den Vereinen Strafen, wenn man
ihnen nachweisen kann, dass sie mit "illegalen Gruppen"
in irgendeiner Weise zusammen arbeiten.
Lediglich die Torcida Verde von Sporting stimmte dem
Gesetz "16/2004" zu und war damit die erste Gruppe,
die sich legalisieren ließ. Sie übergab Namen ihrer
Mitglieder an die CNVD, machte eine gute Miene zum
bösen Spiel und profitierte von finanzieller Unterstützung
des Vereins. Viele Ultras in Portugal sagen heute, dass
die Torcida Verde damit die Ursache für das Chaos
der Repression in den Kurven war. Auch in Porto trat
man in die Fußstapfen der führenden Sporting-Gruppe
und ließen sich bei der CNVD legalisieren. Wie man
sagt, wurden - wie auch bei der Torcida Verde - keine
Namen führender Mitglieder
weitergegeben, sondern
lediglich Namen von Mitgliedern
ohne wichtige Aufgaben.
Finanzielle Interessen gaben
dafür vermutlich den Ausschlag.
Gesagt sei an dieser Stelle, dass
man beispielsweise Gruppen-
Kleidung der Super Dragões im
Fanshop des FC Porto kaufen
kann. Dies wäre ohne eine
Legalisierung nicht möglich.
Diesen Gruppen sagt man
hinterher, dass ihnen finanzielle
Interessen wichtiger seien als
ihre Ehre. Drastisch formuliert
man es unter den "illegalen
Gruppen": Sie - allen voran
Sporting und Porto - haben
dem Druck nachgegeben und
die Ehre der portugiesischen
Ultrá-Bewegung verkauft.
Für die wahren Ultras sollte der Kampf gegen die
Repressionen nun beginnen, aber nicht alle sollten
ihn gewinnen. Wer sich nicht legalisieren lässt, darf
öffentlich nicht mehr in Erscheindung treten oder
Verkaufsstände im Stadionbereich betreiben. Die
Polizei nahm sich nicht zurück und machte rigoros
Jagd auf die Gruppen. Sie beschlagnahmte Gruppen-
Artikel, obwohl dies nirgendwo im Gesetz "16/2004"
gefordert ist. Vor allem das überleben kleinerer
Gruppen war nun massiv gefährdet und sie waren
gezwungen, Namen an die CNVD zu übergeben und
legalisiert zu werden. Portugals Kurven spalteten sind
in "legal" und "illegal".
Doch es gibt sie noch, die Gruppen, die bis heute
erbittert Widerstand leisten gegen das Gesetz "16/2004"
und die CNVD: Furia Azul 1984 (Belenenses), Diabos
Vermelhos 1982 (Benfica), No Name Boys (Benfica),
Mancha Negra 1985 (Académica Coimbra) und andere
halten ihren Kopf weiterhin stolz in die Höhe. Manche
von ihnen haben hinter dem Rücken der Polizei
Abkommen mit dem Verein getroffen und öffnen ihre
Shops im Stadion weit nach Spielende heimlich, wenn
die Polizei bereits verschwunden ist. Stadionbesucher
wissen davon, schweigen aber gegenüber der Polizei.
Man ergibt sich nicht einer möglichen Legalisierung,
der Preis der Freiheit ist zu hoch. Es soll an dieser
Stelle erwähnt werden, dass "illegale Gruppen"
nicht grundsätzlich gegen eine Legalisierung sind,
aber immer die Freiheit und Gleichheit eines jeden
Ultras und Anhängers gewahrt und respektiert haben
wollen. Eine Forderung ihrerseits ist im Gegenzug
ein Gesetz zur Regulierung der (in Portugal überaus
hohen) Eintrittspreise, Verbesserung der Zustände
in einzelnen Stadien, Bekämpfung der Korruption im
portugiesischen Fußball etc. Es ist eine Tatsache,
dass die Repressionen gegenüber Fußballfans und
die geforderte Legalisierung der Gruppen über die
verfaulten, vermoderten und morschen Zustände im
portugiesischen Fußball hinweg täuschen sollen!
Furia Azul zum Beispiel ist eine der führenden Gruppen
im Kampf und den Widerstand gegen die Repressionen.
Sie hat inzwischen Ausmaße angenommen, die bisher
als undenkbar galten. Die Polizei attackiert Mitglieder
von Furia Azul innerhalb und außerhalb des Stadions.
Eine Tatsache, die die Gruppe dazu veranlasst hat,
verschiedene Ankündigungen und Aktionen unter dem
Motto "Belenenses zu unterstützen ist nicht illegal" zu
manifestieren. Wie es aussieht, hat das beschämende
Gesetz "16/2004" dazu beigesteuert, dass die einen
Gruppen unangemessen reagiert haben, andere
Gruppen durch die Schablone der Legalisierung nicht
hindurch passen und ihre Freiheit gewahrt haben
wollen. Das Problem ist, dass die Ultras in Portugal
nun nicht mehr mit einer Stimme sprechen, die Kurven
geteilt sind. Eine Demonstration sämtlicher deutscher
Gruppen, wie sie 2005 in Frankfurt am Main statt
gefunden hat, ist in Portugal mit seinen "legalen" und
"illegalen" Gruppen nicht möglich.
Eine große Frage stellen sich Ultras und aktive
Anhänger: Welche Rolle spielen die Vereine in dieser
Angelegenheit? Das Gesetz ist dermaßen lächerlich,
dass es den Gruppen die Unterstützung ihres Vereins
verbietet. Was aber ist Fußball ohne Fans? Diese
Frage bleibt in Portugal unbeantwortet. "Kämpft
und widersteht für die Freiheit" ist eine Parole, die
weiterhin Wochenende für Wochenende durch die
portugiesischen Kurven gehen wird. Die "illegalen
Gruppen" Portugals werden weiterhin stolz wie ein Fels
in der Brandung stehen und wie die Seefahrer auf dem
Padrăo dos Descobrimentos-Denkmal an Lissabons
Rio Tejo auch bei Sturm nicht zur Seite weichen.
Dieser Text entstand in Kooperation zwischen Tim und Joăo (Furia Azul 1984).
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BFU No. 6
Ultras in Deutschland im Jahr 2007 ein Resumee zur Winterpause
Bevor ich hier zu einer kritischen Bestandsaufnahme
ansetze, will ich kurz einiges voranschicken. Ich bin mir
darüber im Klaren, dass ich im Folgenden womöglich
einiges etwas zu schwarz sehe und möchte keinesfalls alle
über einen Kamm scheren. Trotzdem nehme ich in Kauf, dass
sich eventuell einige auf den Schlips getreten fühlen. Eine
schonungslose Analyse lässt nun einmal nichts anderes zu.
Wir befi nden uns, da ich diese Zeilen schreibe, im Dezember
2007. Die deutsche Ultrabewegung hat inzwischen mehr
als zehn Jahre auf dem Buckel - zehn ereignisreiche Jahre,
zweifellos. Viele bedeutende Gruppen feiern in diesen
Monaten ihr zehnjähriges Bestehen. Die Winterpause hat
soeben begonnen und damit die oft endlos erscheinende
fußballose Zeit. Mehr als eine Dekade Ultrà in Deutschland.
Winterpause - Zeit, sich Gedanken zu machen.
Zunächst möchte ich mich an einer kleinen Bestandsaufnahme
versuchen. Ein Blick in deutsche Stadien zeigt uns tolle,
kreative und aufwendige Choreographien, in vielen Kurven ein
gigantisches Fahnenmeer, an den Zäunen und Balustraden
hängen Zaunfahnen, die sich durch Stil und Machart
deutlich von der Zaunfahnenkultur der 80er und 90er Jahre
abheben. Die Gesänge umfassen oft ganze Kurven oder bei
Wechselgesängen sogar das ganze Stadion. (Die einen sind
kreativ, die anderen eher massenkompatibel. Auch ob geklaut
oder schlecht kopiert soll uns an dieser Stelle nicht weiter
interessieren. Es wurde und wird ja darüber diskutiert.) Und an
manchen Orten schafft man inzwischen gar beeindruckende
Corteos. Viele Kurven erscheinen nach außen hin von Ultras
geprägt. All das hätte vor über zehn Jahren an vielen Orten
niemand für möglich gehalten. Auch wenn nicht überall
alles Gold ist, was glänzt, muss den Medien und auch dem
neutralen Zuschauer auffallen: Es tut sich etwas in deutschen
Stadien.
Neben diesem üblichen Repertoire engagieren sich viele
Gruppen außerdem über den Fußball hinaus. Man organisiert
Fußballturniere, Konzerte und beteiligt sich an karitativen
Projekten. Des Weiteren sind die Gruppen oft Anlaufstelle
für viele Jugendliche, die sich für Fankultur interessieren
oder sich im Betrieb um das Fußballspiel ihres Vereins
einbringen möchten. Viele Gruppen kooperieren in diesem
Zusammenhang mit den lokalen Fanprojekten und betreiben
nicht nur dadurch schlichtweg Jugendarbeit.
Auf andere Aspekte wie Pyro, Gewalt, Repressionen
etc. möchte ich an dieser Stelle nur soweit eingehen, als
dass sie per Spruchbänder artikuliert auch den Weg ins
Stadion finden. Dort finden sich dann äußerungen gegen
Repression, gegen die zunehmende Kommerzialisierung,
Kritik an Medien oder Polizei, Mitteilungen an andere Ultras,
Solidaritätsbekundungen, Meinungen in Sachen Vereinspolitik
und Zeichen gegenseitiger Rivalität wieder.
Bis hierher darf und muss man zweifellos von einer Ultrakultur
reden. Diese wird inzwischen von immer mehr Vereinsvertretern
und normalen Fans anerkannt und respektiert. Auch wenn es
noch einer langer Weg zu gewünschten Verhältnissen ist. Die
gewünschte Wirkung nach außen hin, wird also inzwischen oft
erzielt. Viele Gruppen haben ihre Kurven im Griff und bilden
die Spitze ihrer Fanszene. Jedoch drängen sich mir beim
Vergleich mit großen Vorbildern aus anderen Ländern Fragen
auf. Wo liegt der zweifellos vorhandene Unterschied? Was
unterscheidet deutsche Gruppen, von ganzen Kurven will ich
in diesem Zusammenhang gar nicht sprechen, von anderen
Gruppen im Ausland, sei es Italien, Frankreich oder auf dem
Balkan.
Dazu möchte ich zunächst einmal das Verhalten abseits
der Bühne Stadion refl ektieren. Es geht mir genauer darum,
was nicht auf tollen Videos und Fotos zu sehen ist und was
folglich nicht auf einschlägigen Homepages der Gruppen
in der öffentlichkeit landet. Zum einen wäre da die mir oft
missfallende Konzentration auf den Assi-Faktor der Spezies
Fußballfan. Ich bin mir darüber im Klaren, dass Alkoholkonsum
im Zuge des englischen Einflusses irgendwo zur deutschen
Fankultur dazugehört. Auch bin ich mir bewusst, dass gerade
junge Menschen -und daraus bestehen deutsche Gruppen
nun mal zum Großteil - ihre Grenzen ausloten, Freiheiten
genießen und auch mal die Sau rauslassen möchten. Daran
ist zunächst einmal nichts grundlegend Falsches zu fi nden.
Jedoch kann es sein, dass sich einige im Suff total gehen
lassen? Dass dem Suff und der Party eine ebenso große,
wenn nicht vereinzelt gar größere Bedeutung beigemessen
wird, als den wirklich wichtigen Dingen? Und sind Leute mit
einem vollgekotzten ULTRAS-Pulli dann wirklich besser als
die oft belächelten 0815-Fans? Kann es in einem ULTRASBus
ernsthafte Diskussionen um Musik (Schlager oder gar
Ballermann-Mukke als negativste Ausmaße) geben? Ist es
erstrebenswert, dass asoziales Verhalten ein legitimes Mittel
ist, Aufmerksamkeit in der Gruppe oder Szene zu erlangen?
Meiner Meinung nach, sind diese Auswüchse ein Grund, der
die deutsche Ultraszene daran hindert, sich innerhalb wie
außerhalb des Stadions zu emanzipieren. Das Festhalten am
deutschen (ursprünglich englisch geprägten) Bild des Fußball-
Assis (betrunken, grob, peinliches Benehmen,...) wird ein
weiteres vorankommen der Fankultur verhindern. Natürlich
sind auch die Medien nicht unschuldig. Fußballfans werden
allzu oft von der Werbung als peinlich bekleidet, betrunken
und frei von Rhythmusgefühl dargestellt. Jedoch liegt es an
uns, dieses Bild zu wandeln. Erst dann, wenn wir es schaffen,
nicht mehr ständig dem gängigen Klischee des Fußballprolls
zu entsprechen, werden wir von Vereinsvertretern, Politik und
den übrigen Stadiongängern als seriöser Part wahrgenommen
und akzeptiert werden. Erst wenn jeder einzelne sein
egoistisches Streben nach Party, Suff und Spaß, zumindest
am Spieltag, zum Wohle der Sache zurückschrauben kann,
wird es gelingen, den nächsten Schritt zu tun.
Leider begnügen sich viele bisher noch mit niedrigen
Ansprüchen an sich selbst und einer Poser-mäßigen
Außendarstellung. Wirkliche Inhalte sind oftmals kaum bis
nicht vorhanden. Der schöne Schein - eine Lautstarke und
bunte Kurve - kann jedoch nicht das einzige Ziel der deutschen
Ultrabewegung sein. Sonst wäre die Chose wohl besser mit
der Bezeichnung “Supporters“ umschrieben.
Dazu passen dann auch typisch deutsche Auswüchse
und Begleiterscheinungen. Als da wären ein unkritisches
Verhalten im restlichen Leben - Frei nach dem Motto: Politik
und Gesellschaftskritik interessieren mich nicht! Doch wer
etwas verändern will, muss auch mit offenen Augen durchs
Leben gehen. Beim verbreiten blinder Parolen sind alle
dabei. Kritisches Hinterfragen oder gar konsequentes Leben
eigener plakativer Forderungen scheinen für viele zu mühsam.
Natürlich kann man darüber streiten, ob es Sinn macht, als
Reaktion auf die unglaublichen Ereignisse um die violette
Austria aus Salzburg den Konsum von Red Bull einzustellen.
Dem Konzern fügt das keinen großen Schaden zu. Jedoch
will ich für meinen Teil weiter gerne in den Spiegel schauen
können, einfach weil ich etwas ablehne und dann auch wirklich
durchziehe. Ein weiterer unglaublicher, weil an Paradoxie
kaum zu übertreffender Punkt, ist der Blick gen Ballermann.
Man möge mir verzeihen. Ich kenne Folgendes nur aus
Erzählungen. Aber kann es sein, dass sich deutsche ULTRAS
pünktlich zum Sommerurlaub euphorisch Micky Krause, Jürgen
Drews und dem Götzen Alkohol huldigend auf dem Ballermann
einfi nden? Wenn ich höre, dass dort Cliquen und ganze
Gruppen (teilweise sogar in Gruppenklamotten!) endlich mal so
richtig die Sau rauslassen, die Sanitären Einrichtungen einer
jeden Bauerndisko mit ihren Gruppenaufklebern verschönern
und anschließend ganz ULTRA-like im Vollsuff die lokalen
Rivalitäten ULTRA-Deutschlands untereinander ausfechten,
dann frage ich mich leider, ob da nicht ein falsches Verständnis
von ULTRA vorliegt. Einige treiben es sogar so weit, regelmäßig
im Internet die Hosen herunter zu lassen. Der Exhibitionismus
auf einschlägigen Internetportalen eröffnet jedermann einen
Einblick in das nicht selten peinliche Gehabe präpubertärer
Partykönige. Nun könnte man einwenden: “Jedem das seine.
Jeder kann selbst entscheiden, wie weit er sich entblößen,
wie peinlich er sich präsentieren möchte.“ Allerdings: Wie
kann man ständig gegen Repressionen, Datensammelwut der
Behörden und Stigmatisierung protestieren und gleichzeitig
sämtliche Daten, Bilder und Strukturen aufgrund der eigenen
Profi lierungssucht oder mangelndem Bewusstseins im Internet
Preis geben? Seid ihr nur wer, wenn ihr im Internet existiert?
Dass man es dadurch den Behörden unnötig leicht macht, ist
die eine Sache. Ein weiterer Aspekt betrifft die oben bereits
angesprochene Emanzipation. Wie will man sich in seiner
eigenen Stadt verwurzeln, von anderen Subkulturen ernst
genommen werden, wenn das eigene peinliche Auftreten eher
den Eindruck der Jungs vom Lande auf Besuch in der großen
Stadt erweckt?
Natürlich ist nicht alles schlecht und es wäre unfair, alle über
einen Kamm zu scheren. Der Fairness halber möchte ich es
auch nicht nur bei schonungsloser Kritik belassen, sondern
will versuchen, Alternativen zu entwerfen. Um endlich ernst
genommen zu werden, ist es meiner Meinung nach essentiell,
eine gewisse Mentalität zu verinnerlichen. Einige werden
schon beim oft zitierten Wort “Mentalität“ abwinken. Daher
möchte ich im Folgenden entwerfen, was ich damit meine.
Für mich beinhaltet das Wort “Mentalität“ die Forderung,
ULTRA in den Alltag zu tragen. Das kann konkret bedeuten:
Kein blinder Konsum, auch wenn den Verlockungen unserer
Gesellschaft oft schwer zu widerstehen ist. Eine gewisse
Gesellschaftskritik, verbunden mit der Frage: Wo ist mein/
unser Platz in der Gesellschaft? Anschließend eventuelle
Vernetzung mit ähnlich Denkenden. Weitere Beispiele wären
denkbar. Insgesamt läuft es darauf hinaus, ULTRA zu mehr zu
machen, als nur zu einem Hobby. ULTRA sollte mehr sein, als
7 Tage die Woche an den Verein, die Gruppe zu denken. Denn
das gemeine Partyvolk denkt auch unter der Woche längst an
die nächste Party. Es gilt, ULTRA mit Inhalten zu füllen. Dazu
gehören klare Prioritäten und die Beantwortung der Fragen:
Was ist mir/uns wichtig? Suff? Party? Gemeinschaftsgefühl?
Will ich wirklich etwas verändern? Und wenn ja, was? Fangt
bei euch selbst an! Würde das jeder einzelne für sich selbst
einmal durchdenken, ich bin sicher, die Spreu würde sich sehr
schnell vom Weizen trennen. Wie wäre etwa eine alkoholfreie
Busfahrt zum Auswärtsspiel? Würdest du mitfahren? Mit
echten Freunden sollte man sich schließlich auch nüchtern
Stundenlang beschäftigen können, ohne dass einem
langweilig wird.
Weitere Forderungen könnten etwa das Streben nach mehr
Unabhängigkeit sein. Eigene Räumlichkeiten mit selbst
defi nierten Rahmenbedingungen, eigene Busse, Feste etc.
sind für viele Gruppen ja schon Realität. Trotzdem sollte das
Bestreben nach Selbständigkeit und Unabhängigkeit stets
fester Bestandteil der Gruppenziele sein. Dann schaffen wir
es vielleicht in dieser Gesellschaft unser eigenes (vielleicht
sogar akzeptiertes) Paralleluniversum zu schaffen - mit
eigenen Regeln und Werten. Passend hierzu fällt mir dabei
der Leitspruch der Ultras Frankfurt in ihrer 10-Jahres-Choreo
ein: “10 Jahre Lebenstraum“! Verwirklicht euren eigenen
Lebenstraum!
Dazu gehört aber auch die Fähigkeit zu Selbstkritik - Etwa die
ehrliche Frage nach Schein und Sein (im Bezug auf Streetart,
Kurvenshows,?). Zur Selbstkritik gehört für mich zweifellos
auch die Frage nach Respekt -außerhalb wie innerhalb.
Allerdings: Respekt will verdient sein, vor allem innerhalb
einer Szene. Respekt vor den Alten sollte beispielsweise
selbstverständlich sein. Jedoch darf dann auch die Frage
erlaubt sein: War das, was Mitte/Ende der 90er Jahre von der
ersten ULTRA-Generation betrieben wurde wirklich ULTRA?
Oder bestanden die Gruppen nicht oftmals aus einem
sufforientierten Haufen Allesfahrer? Genau so, sollte sich
jeder Junge fragen: Ist mein Auftreten, meine große Klappe
wirklich durch eigene Verdienste gerechtfertigt?
Ein weiterer Punkt ist die hier schon oft erwähnte Forderung
nach dem Lernen von anderen. Gemeint können beispielsweise
andere Subkulturen sein. Dies dient dem Bestreben, sich
in der eigenen Stadt zu verwurzeln. Auch im Bezug auf
Fankultur lässt sich meiner Meinung viel von anderen lernen.
Wurde bisher (d-h. nicht nur zu Beginn der Ultrabewegung)
viel auf das äußere Erscheinungsbild wert gelegt und somit
hauptsächlich Kleidungsstil, das Verwenden von optischen
Hilfsmitteln (Pyrotechnik, Schwenkfahnen, Choreographien)
und Gesänge übernommen, so geht es mir nun um den
nächsten Schritt. Am Beispiel italienischer ULTRAS habe ich
wirklich erfahren, dass ULTRA mehr ist, als ein Hobby für drei
oder vier Jahre. Es ist ein Einstellung, ein Lebensstil. Diese
Erkenntnis ist vor allem für junge ULTRAS wichtig, die sich in
ihrem Leben natürlich noch auf der Suche befi nden. Allerdings
kann das wirkliche Erfahren, was es heißt, ULTRA zu sein
nicht durch den Konsum sämtlicher verfügbarer Kurven-DVDs
oder durch den klassischen Besuch eines Fußballspiels im
Ausland mit Sicht von der Haupttribüne geschehen. Wertvoller
sind da persönliche Erfahrungen (z. B. Gespräche). Auch
wenn ich mir darüber im Klaren bin, das dies natürlich nicht
jedem möglich ist.
Trotzdem habe ich durch Kontakte in andere Länder Wichtiges
gelernt. Es heißt ja nicht umsonst, Reisen bildet. Für mich
persönlich bin ich daher zu folgenden überzeugungen gelangt:
Mentalität ist wichtiger als Optik. Das Sein ist ganz klar wichtiger
als der Schein. Mentalität umfasst konkret formuliert Bereiche
wie Gesellschaftskritik, Festhalten und Weitervermittlung von
Werten (Solidarität, Gastfreundschaft, Treue, Respekt, Ehre,
Aufrichtigkeit, Moral, Toleranz,?), Freundschaft und vor allem
Standhaftigkeit. Die Mentalität ist in unserem Kontext, wie
oben beschrieben ein Lebensgefühl. Wichtigster Bestandteil
ist das Bewusstsein, dass die Gruppe/Kurve immer Vorrang
hat. Zum Wohle dieser Institution ist sämtlicher Egoismus
zurückzustellen. Voraussetzung hierfür ist aber auch, dass
eine ULTRA-Gruppe sich über gemeinsame Ziele und
Ansichten zusammenfi ndet. über diese sollte man sich als
Gruppe erst einmal verständigen, bevor man als Gruppe in
Erscheinung tritt. Und diesen sind andere, zweifellos wichtige
Aspekte wie Spaß unterzuordnen.
Ich hoffe also, gezeigt zu haben, dass ULTRA etwas sehr
ernst zu nehmendes ist, das weit über den Besuch von
Fußballspielen hinausgeht. “Ultra“ heißt extrem - “extrem“
heißt anders sein. Daher muss ich mich als ULTRA auch
anders verhalten, als die breite Masse. Das bedeutet aber
auch, sich nicht mit der Wirkung nach außen zufrieden zu
geben. Denn ULTRA ist der Kampf ums Ganze!
In diesem Sinne: COERENZA E MENTALITA!
-Ulrich Trasler
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BFU No. 5
ARGENTINIEN 2007
Chancha, Hinchas, Barra Bravas und natürlich auch Boca Juniors & River Plate. Alles Begriffe, bei denen wohl jeder halbwegs Fanszenen-Interessierte sofort ins ßchwärmen gerät und an Faszination sowie absolute Hingabe bis hin zur selbstlosen Aufopferung denkt. Nicht erst seit der Dokumentation ?Futbal Fanatico? und dem hervorragenden Fanzine ?Mi buen Amigo? ist ein Besuch in Südamerika ein langgehegter Traum, der sich in diesem Herbst nun endlich erfüllen sollte.
So. 30.09.07 CA Newell's Old Boys vs. CA Boca Juniors
Das Ziel unserer heutigen Reise hieß Rosario. Eine Stadt knapp 300 Kilometer von der Hauptstadt Buenos Aires entfernt in der Provinz Santa Fe, die mit fast 1 Mio. Einwohnern die drittgrößte Stadt in Argentinien und Heimat der beiden Vereine Rosario Central und Newell's Old Boys ist. Bereits im Vorfeld der Partie kam es zu reichlichen Spekulationen. Der Erzrivale von Rosario Central hatte am gleichen Tag sein Spiel in Buenos Aires bei River Plate auszutragen und so sollten sich die Wege der beiden Fangruppen, die einerseits in die Hauptstadt reisen, und andererseits nach Rosario gelangen mussten, kreuzen. Dem versuchte die Polizei natürlich entsprechend entgegenzuwirken und zahlreiche Theorien bzgl. der Anstoßzeit beider Spiele machten, vor allem in den Printmedien, die Runde. Darüber hinaus sorgten die enttäuschenden Auftritte der Rot-Schwarzen aus Rosario für so manches Stirnrunzeln.So stand man nicht nur auf einem Abstiegsplatz in der aktuellen Herbsttabelle, sondern verlor auch das Derby gegen den bis dahin sieglosen Erzrivalen Central, ging sang- und klanglos bei den Argentinos Juniors unter und entließ daraufhin den Trainer. Nicht wenige prognostizierten bei einer neuerlichen Niederlage gegen die aktuell gut aufspielenden Juniors aus dem Stadtteil La Boca schwere Randale. Für ausreichend Brisanz war also gesorgt. Die Farben vom 1903 gegründeten Verein Newell?s sind Rot und Schwarz in Anlehnung an die damaligen Nationalfahnen Deutschlands und Englands, denn der Vereinsgründer Isaac Newell war Engländer, seine Frau Deutsche. Spitzname von Newell?s ist ?los Leprosos? (dt. Die Lebrakranken), zurückgehend auf ein Wohltätigkeitsspiel in den 1920er Jahren, wessen sich der Lokalrivale Central verweigerte. Das letzte Mal war Newell?s 2004 Meister ? aufgrund des komplizierten Auf- und Abstiegssystems in Argentinien (es wird ein Mittelwert der vergangenen Jahre gebildet, ein Abstiegsplatz am Ende der Saison heißt somit nicht gleich Abstieg) gab es jahrelang einen Bonus in der Punktevergabe. Seit dieser Saison zählen die Punkte aus der Saison 2004 aber nicht mehr und man findet sich auf einem Abstiegsplatz wieder. Bereits sechs Stunden vor Anpfiff lungerten die ersten Schwarzmarkthändler in der Stadiongehend herum, dennoch war es problemlos möglich, Karten sowohl für Haupt-, als auch Gegentribüne zu erwerben. Wir entschieden uns für letztgenannte Kategorie und waren mit 13 Euro dabei. Die Stadt selbst wirkte trotz ihrer Größe beinahe wie ausgestorben, was mit Sicherheit auch am freien Sonntag lag und daran, dass das Leben in Südamerika ja eh erst abends zu beginnt. Besondere Fanaufkommen oder Hinweise auf das abendlich stattfindende Fußballspiel waren fast keine auszumachen. Dies sollte sich freilich reichlich zwei Stunden vor Matchbeginn ändern, als der allseits bekannte Betrieb auf allen Zufahrtsstraßen zum Stadion begann und nun natürlich nicht mehr abebbte. Auffällig, dass beide Fangruppen beinahe schiedlich friedlich nebeneinander herliefen. Es gab keinerlei Pöbelein, andererseits aber auch keine Gespräche oder gemeinsame Besäufnisse. Beide Barras standen sich bis dahin nicht unbedingt feindlich gegenüber, was diesen etwas ungewöhnlichen Anblick sicher halbwegs erklären könnte. Nichts desto trotz war die Polizei omnipräsent u.a. hoch zu Ross. Der Gästeblock war bereits eine Stunde vor Spielbeginn überaus gut gefüllt und locker 70-80 Fahnen prangten an den beiden Außenseiten des Blockes. Zum Teil wurden 4-5 Fahnen übereinander gegangen. Nur die Mitte des Zaunes im idealen Gästeblock blieb leer. überhaupt ist das Stadion ein absoluter Traum für jeden Fußballfan. Wie üblich in Argentinien ohne Laufbahn, ist neben der Gegengerade auch die Hintertortribüne für die härtesten Heimfans doppelstöckig, während für die Gästefans die komplette gegenüberliegende Hintertortribüne bereitsteht, die schätzungsweise 5.000 Hinchas einen Stehplatz bietet. Auch die Heimseite geizte nicht mit zahlreichen Zaunfahnen. Auffällig hierbei, dass man im Gegensatz zu fast allen restlichen Szenen des Landes auch einige längere Flaggen aufbieten kann, wobei die sicherlich 70m lange “LA HINCHADA QUE NUNC ABADONA” zu deutsch: ?Die Fanszene die niemals aufgibt?, das absolute Herzstück bildet. Das jene Bezeichnung nicht nur der Name der Barra und eine gleichgültige Phrase ist, sollten wir kurz darauf noch zu spüren bekommen... Der Anpfiff rückte näher, fast alle 35.000 Zuschauer hatten ihre Plätze eingenommen, als nun unter reichlich Getöse besagte Barra auf den für sie freigehaltenen Platz direkt hinter dem Tor zusteuerte. In ihren Händen dabei ungefähr 20 Bengalen, Fahnen, Regenschirme und die unentbehrlichen Trommeln. Das Ganze flankiert von einem genialen Gesang in den sofort das gesamte Stadion einstimmte. Wir hatten diesen wundervollen Augenblick noch gar nicht ausreichend genossen, als sich plötzlich im Heimblock eine Wand aus rotem und schwarzem Rauch ihren Weg gen Himmel bahnte. Etliche verrückte Hinchas hingen meterhoch auf den Zäunen, im gesamten Areal begann es nun ebenfalls zu rauchen und zu brennen. Bengalen, Rauchtöpfe, dichte Nebelsäulen auf der VIP-Tribüne(!), dazu hüpften und sangen alle, und ich meine wirklich alle 30.000 sich den Newell?s zugehörig fühlenden Menschen inbrünstig das von der Barra vorgegebene Lied. Das Spiel selbst lief schon locker zehn Minuten, da saß immer noch kein einziger dieser fanatischen Menschen auf seinen Platz. “...Selbst in schlechten Zeiten beweise ich dir, dass ich dich genauso liebe. Die Presse mag es nicht glauben und auch die Polizei kann nicht einfach wegrennen...” tönte es nun immer noch aus allen anwesenden Kehlen, egal ob groß, ob klein, die Leute hüpften, sangen, tobten, rasteten aus und wir mittendrin. Gänsehaut beim Fußball? Ja! Gänsehaut, die sich vom Rücken bis hinunter zu den Füßen zieht und das minutenlang? Nein! Es war wie in einem Traum. Beinahe in Trance stand ich da, die Knie schlackerten. Grob 1.300 Fußballspiele hab ich bislang gesehen, aber so was noch nie erlebt. Das in der Zwischenzeit noch eine riesige Blockfahne, untermalt von weiteren Bengalen, gezeigt wurden, ich bekam es nur marginal mit. Nach einiger Zeit der Akklimatisierung wurde nun auch mal ein Blick nach rechts gerichtet und die Lauscher gespitzt, um etwaige Lieder der Gäste zu hören. Doch so sehr man sich anstrengte, es kam einfach nichts an. Dies lag zwar einerseits mit Sicherheit auch an der Lautstärke der Einheimischen, andererseits auch daran, dass die Boca-Anhänger einfach nichts sangen. Es war keinerlei Koordination zu sehen, die weltberühmte Barra, “La Doce” noch nicht im Stadion und so erinnerte der Anblick der Gäste eher an einen x-beliebigen Gästebereich in der deutschen Bundesliga als an sein Pendant in Argentinien. Nach einer guten halben Stunde kam dann jedoch Bewegung in die blaugelben Massen. Endlich schien es soweit zu sein, La Doce hatte das Stadion erreicht. Der mittlere Bereich, anfangs noch für die Meute freigehalten, war längst von normalen Fans besetzt, zu beengt die Verhältnisse im Gästeblock ,und so war es ein einzigartiges Schauspiel, als der erste Teil der Barra den Gästesektor enternte und sich den Weg zum ausgesuchten Platz frei schlug. Diejenigen, die nicht schnell genug zur Seite weichen konnten, wurden entweder, sofern sie Glück hatten, weggeschubst oder beiseitegeschoben, während der Rest eben die Füße und Fäuste der La Doce-Jungs zu spüren bekam. überspitzt formuliert erinnerten die Szenen an Obelix´ Kampf gegen die Römer... Für uns Europäer dennoch ein einzigartiges Schauspiel. Doch das war erst der Anfang der Show. Als sich La Doce nun endlich positioniert hatte, die Trommeln einsatzbereit waren und der 400-500 Mann große Haufen ordentlich zusammenstand, begann gerade die Halbzeitpause. Und nun wurde losgelegt! Es brauchte nur wenige Sekunden, um zu erkennen, dass diese Meute qualitativ in einer anderen Liga spielt. Wahnsinn und total krass, wie der Mob am abdrehen war. Der Gästeblock erzitterte in seinen Grundfesten. Ich glaube wir Deutschen könnten uns die härtesten Drogen, die der Markt hergibt, einwerfen, und würden nicht annähernd so abgehen. Unbeschreiblich. Der Rest im Gästeblock, der zu Beginn noch ehrfürchtig erstarrt war, stimmte schnell in die Gesänge mit ein, die sich ausschließlich gegen die Polizei richteten. Die Gründe hierfür erfuhr man erst später. An einer Mautstation, etwa 15km vor Rosario, waren die Busse der Barra von der Polizei gestoppt worden. Die nun langwierige überprüfung der Dokumente gefährdete das pünktliche Erscheinen zum Spiel, worauf Mauro, der neue Chef von La Doce reagieren musste. Es folgten scheinbar harte Auseinandersetzungen, in denen die Polizei Gummigeschosse einsetzte und an deren Ende, ein Polizist und zwei Boca-Fans verletzt wurden, darunter auch der mit 33 Jahren jüngste Chef, den La Doce jemals hatte, Mauro Martin. Just in dem Moment, als das Spiel wieder angepfiffen werden sollte, verstummte der Support, einige Barras hingen auf dem Zaun und versuchten Teile dessen zu zerstören. Der Schiedsrichter weigerte sich nun das Spiel fortzusetzen. Nach wenigen Minuten war der Spuk jedoch wieder vorbei, denn La Doce bildete nun eine ca. 7m breite und 20m hohe Gasse im Block, stapelte dort alle sieben Trommeln übereinander und blieb stumm. Ein symbolisches Bild für die Bedeutung der Fanszene inkl. seiner lautstarken Unterstützung im Zusammenhang mit verstärkt zunehmender Repression durch die Staatsmacht. Ein nicht nur origineller, sondern auch meines Erachtens nach effektiver Protest. Etwa 20 Minuten vor Spielende verließ die Meute dann das Stadion, da immer noch ein Bus auf der Autobahn von der Staatsmacht festgehalten wurde und anhand der durch die Luft knallenden Schüsse, hörten wir, dass es draußen noch heiß herging. Wären diese geschilderten Ereignisse nicht allein schon ausreichend genug gewesen, um uns in ungläubiges Staunen zu versetzen, so sorgten die Newell's “Hinchas währenddessen weiterhin für eine absolute Wahnsinns-Atmosphäre, die von zahlreichen Pyroartikeln untermalt wurde. Die phantastische Unterstützung machte sich schließlich bezahlt, denn die einheimischen Kicker kämpften wie die Löwen und rangen Boca, die heute nicht einen Fuß vor den anderen bekamen, nieder. Sieg für Newell's” die Wogen vorerst wieder geglättet! Nach Spielende fand plötzlich noch ein Mitglied von La Doce den Weg auf den Rasen, wurde dabei jedoch schnell von der Polizei festgenommen. Interessant hierbei, dass sein Bild tags darauf in allen Zeitungen war, und dabei über das T-Shirt des Boxclubs, welches er trug, spekuliert wurde. Gehört besagter Club doch Mauro Martin´s Bruder. Die übliche Platzsperre für die Heimfans von gut 15 Minuten machte auch keinem was aus, wozu auch, wenn man genug Stadionlieder hat, die man gemeinsam mit Funkeln in den Augen und Lebensfreude im gesamten Gesicht in die dunkle Nacht schmettern kann. Als sich die Tore endlich öffneten, waren die Gäste allesamt wie vom Erdboden verschluckt, ein Phänomen, was wir bei all unseren Spielen mit Gästefans beobachten konnten. Unglaublich, wie schnell die Polizei hier für den Abtransport sorgt
respektive wie zivilisiert sich die Gäste dabei verhalten. Gut, mögliche übergriffe der zahlenmäßigen übermacht der Gastgeber mögen hier sicherlich auch eine tragende Rolle spielen. Bevor unser Bus gegen 1 Uhr zurück in die “Capital Federal” startete, rief man sich noch mehrere Male die Ereignisse vor Augen, um sicherzugehen, dies alles nicht geträumt zu haben. Ich bleibe, auch heute, schon längst wieder zuhause, dabei: Diese Momente, sind alles Geld und jede Zeit der Welt wert, das Gesehene genau dass, wonach ich suche und die Momente im Stadion dass, wofür ich lebe. Momente, die man sein Lebtag nicht vergisst!
Sa. 6.10.07 CA San Lorenzo de Almagro vs. CD Gimnasia La Plata
Das für uns am heutigen Tag bereits 3. Spiel im Fußballparadies Buenos Aires, sollte 21.10 im Stadion des amtierenden argentinischen Meisters San Lorenzo stattfinden. Allein von der Paarung her mit Sicherheit eher Alltags-, bzw. Durchschnittskost. Doch der Auftritt der “Los Cuervos” (dt. Die Raben) am Mittwoch beim Hassduell zwischen Boca & San Lorenzo war immer noch in unseren Köpfen eingebrannt, sorgten die 4.000 Gäste in der berühmten “Bombonera” doch für einen Weltklasse-Auftritt, der besonders in der Halbzeitpause, vieles bislang Gesehene sprengte. Ein Spiel von San Lorenzo im eigenen Stadion vor unserer Heimreise war also zur unbedingten Pflicht auserkoren worden. Außerdem waren wir auch gespannt auf den Auftritt der Gimnasia-Fans aus dem 60km entfernten La Plata, soll dass dortige Stadtderby gegen Rivalen von Estudiantes doch zum brisantesten und gleichzeitig auch besten gehören, was Argentinien zu bieten hat. Schon von außen sorgt das Stadion für Staunen. Ein riesiger Klotz, der gut 40.000 Besucher fasst und direkt am Rande eines sehr üblen Slums beheimatet ist. Zwar hielt in den letzten Tagen der Frühling in Buenos Aires Einzug, doch heute Abend war verhältnismäßig kühl und da San Lorenzo bislang eine enttäuschende Saison spielt, verloren sich lediglich 10.000 Zuschauer im großen Rund. Das tat der Stimmung in den folgenden 90 Minuten jedoch keinerlei Abbruch. Als beinahe zeitgleich mit Spielbeginn die Barra der “La Gloriosa” (dt. Die Ruhmreiche) unter lautem Getöse, mit den obligatorischen Regenschirmen und Fahnen in die große Kurve einzog, kehrte das Leben ein. La Gloriosa gelang es von nun an meist zwischen 2. ? 3.000 Hinchas in die Gesänge einzubeziehen, was einmal mehr ihre Klasse zeigte. Ich möchte mir keinesfalls ein Urteil anmaßen, zu unbekannt sind mir noch viele Faktoren der argentinischen Szene, aber San Lorenzo stellt derzeit für mich die absolute Nr. 1 in Buenos Aires dar. Einerseits aufgrund der vielen Lieder, andererseits und dass ist der wohl hauptausschlaggebende Punkt, aufgrund der Masse, die man hier dauerhaft zum Mitsingen animiert. Ein Einruck, der allerdings nur rein subjektiver Natur ist. Auch optisch weiß man zu gefallen. Neben den langen, kreuz und quer durch den Block gespannten Bändern, werden hin und wieder zwei riesige Blockfahnen gezeigt. Freudig erregt zeigt man sich aufs bald stattfindende Derby gegen den absoluten Hassrivalen von Huracan, denn den Rot-Weißen aus dem Nachbarstadtteil werden etliche gehässige Zeilen gewidmet. Andersherum gab es gleiches zu hören, wie wir bei einem Spielbesuch vier Tage zuvor bei Huracan hören konnten. Sicherlich eines der absoluten Top-Spiele innerhalb der argentinischen Hauptstadt. Sehr enttäuscht haben, betrachtet über die gesamte Spielzeit, die Gäste. Etwa 900 waren mitgereist, doch herrschte während den 90 Minuten ein einziges Chaos im Sektor der Schwarz-Weißen und auch die Barra ?La 22? überzeugte überhaupt nicht. Da half auch das Abbrennen diverser Blinkbengalen nicht, um den Auftritt wenigstens noch zu retten. Und so ergötzten wir uns an den genialen Gesängen aus der Heimkurve, “Ooh San Lorenzo” und ertappten uns einmal mehr dabei wie beinahe bei jedem Lied der Fuß mitwippte. Was jedoch am Rande des Spiels einmal mehr interessant wirkt, ist die Tatsache, dass die Repression auch in Argentinien oder speziell Buenos Aires ihre Spuren hinterlässt und die Fans hier mit den gleichen Problemen zu kämpfen haben wie die Szenen in fast allen europäischen Ländern. Verdeutlicht wird dies durch einen Flyer, der vorm Stadion zu Tausenden unters Volk geworfen und in dem auf die derzeit unbefriedigende Lage aufmerksam gemacht wird.
So. 7.10.07 CA River Plate vs. CA Boca Juniors
Gallinas gegen Bosteros, Hühner gegen Müllsammler, reich gegen arm, Gut gegen Böse, River gegen Boca oder einfach: Superclasico! Derbys werden in Argentinien Clasicos genannt, das Derby aller Derbys ist der Superclasico. Eines der weltweit größten und bekanntesten Stadtderbys und, wie es der liebe Fußballgott so will, just am Tag vor unserer Abreise aus Buenos Aires. Es dürfte mit Sicherheit für viele der Leser ein Kindheitstraum sein, einmal diesem Spiel beiwohnen zu dürfen, und auch wir konnten uns der Faszination natürlich nicht entziehen. Allerdings mehrten sich die Stimmen einiger Bekannter, die diesem Aufeinandertreffen schon mal beiwohnen durften, die besagten, dass der ?Superclasico gar nicht so super ist“ und ”ein viel zu großer Hype um das Spiel gemacht wird?. Nun gut, bilden wir uns einfach unser eigenes Urteil. Das Hauptproblem bei diesem Spiel stellt natürlich die Frage nach den Eintrittskarten. Eigentlich ist es ja gar kein Problem, denn es gibt in der Stadt etliche Agenturen, Läden und Hotels, die kombinierte Reisen (also Anfahrt und Eintrittskarte) für alle möglichen Spiele in Buenos Aires anbieten, der Superclasico bildet da keine Ausnahme. Dafür sind die Preise dementsprechend hoch. Zwischen 80 und 110 Euro durfte man im Vorfeld für eine Zugangsberichtung hinblättern und erhielt dafür einen vorläufigen Voucher. Wenigstens war die ganze Sache durchweg seriös, so dass jeder, der unbedingt ins Stadion wollte, auch hineinkam. Was aber, wenn man auf solche organisierten Touren aus tiefster überzeugung nicht zurückgreifen und sich lieber auf eigene Faust den Weg ins Innere der Chancha bahnen will? Dann bleibt einem entweder der Schwarzmarkt oder im Falle des Heimrechts für River der Vorverkauf. Karten für das “Spiel der Spiele” mit Heimrecht für Boca zu erhalten, ist so ziemlich aussichtslos. Grund hierfür ist ein Kartenvorverkaufsrecht, welche es jedem Mitglied ermöglicht, im Vorfeld des Spiels ganz normal sein Ticket zu erwerben. Da Boca gegenüber dem Konkurrenten viel mehr Mitglieder aufweist, ist es für “Non-Socios“ nahezu unmöglich auf normale Art und Weise eine Karte zu erwerben. Die “Los Millonarios” (ein Spitzname, der ihnen verpasst wurde, nachdem sie in den 30iger Jahren diverse Spielertransfers mit Gold bezahlten) hingegen können auf ?nur? 20.000 Mitglieder verweisen, womit für uns eine realistische Chance auf eines der begehrten Tickets bestand. Der Vorverkauf sollte am Montag und Dienstag vor dem sonntäglichen Aufeinandertreffen beginnen und war lediglich den Vereinsmitgliedern vorbehalten, wohingegen alle ?normalen? Fans ab Mittwoch 8.00 Uhr die Möglichkeit gegeben wurde, eventuelle Restkarten zu erwerben. Nach anfänglichen überlegungen bereits die Nacht zuvor in unmittelbarer Nähe zum Vorverkaufsschalter zu verbringen, trudelten wir letztlich doch erst gegen 7 Uhr am “El Monumental”, dem Stadion von River, ein. In den Printmedien war die Rede von etwa 7.500 Restkarten, weshalb wir guter Dinge waren. Wir waren jedoch nicht allein. Zu diesem Zeitpunkt zählte die Meute, die auf eine der begehrten Restkarten wartete, etwas um die 200 Fans, darunter so ziemlich alle, wie man unschwer erkennen konnte, aus den ärmeren Schichten. Und hier wurden wir uns dann den Nachteilen, die eine solche Vorverkaufsregelung mit sich bringen, bewusst. Die Hinchas aus den ärmeren Bevölkerungsteilen, die sich keine Mitgliedschaft leisten können, haben nahezu keine Chance auf ein solches Spiel. Bei einem Heimrecht von River besteht ja wenigstens noch die theoretische Möglichkeit, bei Boca sieht die Sache jedoch schon ganz anders aus. Die Gerüchte, dass diese beiden Spiele im Jahr von Touristen, normalen Besuchern, die sonst selten zum Fußball gehen usw., okkupiert werden, die wahren Fans in dem Moment ausgeschlossen werden, und das Superclasico eben nicht mehr zu dem machen, was es mal war, ergaben nun auch mit diesen Erkenntnissen für uns einen Sinn. Was für ein Rummel um dieses Derby veranstaltet wird, konnten wir live mit eigenen Augen sehen. Ein stinknormaler Mittwochmorgen, 200- 300 Hinchas, die brav in einer Schlange stehen, um auf die öffnung der Kartenschalter zu warten, sind flankiert von sage und schreibe 7(!) Kamerateams, unzähligen anderen Journalisten und Radio- Moderatoren. Immer wenn die Kamera auf die Jungs gerichtet wurde, legten sie gesanglich gut los. Also ich hätte nichts dagegen, jeden Morgen von a r g e n t i n i s c h e n Stadionliedern den Schlafsand aus den Augen gerieben zu bekommen... Wahnsinn! Kurz nach 8 Uhr, die Kassen hatten sich immer noch nicht geöffnet, wurde die Meute langsam nervös, zumal nun mehr und mehr Sicherheitspersonen verschiedene Barrieren errichteten, die Polizei mit Schildern und Schlagstöcken aufmarschierte, und irgendwann der Sicherheitschef vor die Meute trat und verkündete, dass es heute doch nur Karten für Mitglieder geben würde. Die Unruhe nahm zu, nicht nur bei den River-Hinchas, sondern auch bei uns. Die ersten Wurfgeschosse flogen auf die Polizei, sämtliche Kameras blitzen nun auf, bis wir irgendwie am Rande den erlösenden ?Non-Socio?-Ruf hörten und durch eine der Barrikaden gelassen wurden. Das Herz begann zu rasen. Noch wenige Meter trennten uns von den begehrten Karten. Während wir nun noch warteten, löste sich das Rätsel auf. Haupttribünenkarten gab es noch reichlich und ohne Mitgliedsausweis, lediglich die billigen Kurvenkarten waren noch den Mitgliedern vorbehalten oder gar schon komplett ausverkauft und so pfiff & pöbelte die wartende Meute gegen die Verantwortlichen. Wir hatten wenig später für 40 Euro unsere Karten für die Gegentribüne in den Händen und
suchten flinken Fußes das Weite. In den folgenden Tagen nahm der ganz normale Medienwahnsinn um diese Begegnung schier unnormale Ausmaße an. Nahezu rund um die Uhr liefen Vorberichterstattungen, Wiederholungen alter Superclasicos und auch die Zeitungen kannten nur ein einziges Thema. Ausreichend beleuchtet wurden natürlich auch die Hinchas beider Vereine, alle voran die beiden Barras rückten zunehmend ins Blickfeld. Und über diese gab es ja nun wahrlich nicht wenig zu berichten. Bei Boca ist das Hauptgesprächsthema natürlich der neue Chef der Bande, Mauro Martin, der sich bei einem Messerkampf gegen seinen Konkurrenten Alejandro Falcigno dieses Amt gesichert hat. Der alte Chef Rafa die Zeo ist derzeit für vier Jahre hinter Schloss und Riegel und hatte Falcigno zu seinem Nachfolger ernannt. Letzterer soll lt. Aussagen von Martin unehrenhaft gehandelt haben. Das Ganze ist also für Außenstehende sehr undurchsichtig und nicht selbstverständlich stimmen nicht immer alle Sachen, die in den Medien verbreitet werden. Fakt ist jedoch, dass sich Martin wenige Tage nach dem Superclasico wegen diverser Sachen vor Gericht verantworten musste. Zuerst stritt er alle Vorwürfe ab, schloss dann jedoch ein Abkommen mit den Richtern, so dass er nun für vier Monate sämtlichen Boca-Pflichtspielen fernbleiben muss. Weiterhin wurden ihm 20 Tage Haftstrafe aufgebrummt, der er jedoch stundenweise(!) in einem Zeitraum von 6 Monaten absitzen kann. Unmittelbar nach dem Ende des Verfahrens wurde Mauro von 120 La Doce-Kollegen mit lautstarken Gesängen begrüßt, wohingegen der gleichzeitig eine Gerichtsverhandlung habende alte Chef Rafa di Zeo mehr als gleichgültig empfangen wurde. Es ist relativ wahrscheinlich, dass sich die Machtspielchen nun weiter ziehen, zumindest in den 4 Monaten, in denen Martin Stadionverbot hat. Beim Konkurrenten River
stellt sich die gesamte Situation noch viel undurchsichtiger und verzwickter dar. Bei den “los borrachos del tablon” (die Betrunkenen von der Theke) schwillt schon seit über einem halben Jahr ein interner Krieg. Zu diesem Zeitpunkt spaltete sich die Bande in zwei Gruppen, allerdings nicht in friedlicher Absicht. Auf der einen Seite die beiden Brüder Alan und William Schlenker, auf der anderen Adrian Rousseau. Begonnen hat alles im Vereinsitz von River Plate im Stadtteil Nunez. Adrian schuldete scheinbar mehreren anderen Führungspersonen der ?Borrachos? Geld und aus einer harmlosen Diskussion entwickelte sich eine wüste Schlägerei, an deren Ende auch leider, wie allzu oft, Messer zum Einsatz kamen. Während der Vereinspräsident die nun folgende Streitigkeiten ignorierte, da natürlich offen war, welche der beiden Gruppen dauerhaft das Regiment in der Kurve übernehmen würde, und er sich wohl oder übel nicht positionieren konnte, um später auch weiterhin mit der entsprechenden Barra zusammenarbeiten zu können, zogen die Auseinandersetzungen weitere Kreise. Im August eskalierte die Situation, als Gonzalo Acro, ein Vertrauter der Schlenker-Brüder auf offener Straße von drei Kugeln niedergestreckt wurde und später im Krankenhaus seinen Verletzungen erlag. Als man den Chef einer Untereinheit der Borrachos fand, bissen seine Zähne auf seinen eigenen Zeigefinger, einem alten sizilianischen Zeichen für einen Rachemord. Alles deutet auf eine Hinrichtung hin. Laut der Statistik ist Acro Fußballgewaltopfer Nummer 178. Da sich Acro während der monatelangen Streitigkeiten auf die Seite von Adrian Rousseau geschlagen hatte, vermutete jeder die Schlenker-Brüder hinter dem Attentat. Die Schlenkers gelten übrigens als versnobt, aber auch als sehr intelligent. Inoffiziell spricht jeder darüber, dass die Barras bei Spielertransfers nach übersee mitkassieren. So sollen 50.000 Dollar aus einem Transfer zwar bei Rousseau gelandet, jedoch später nicht weiterverteilt worden sein. Bei einem weiteren Transfergeschäft verhielt es sich ähnlich. Acro galt als einer der treusten Soldaten von Rousseau, die Schlenkers hingegen als versnobt und hemmungslos, aber eben auch intelligent. Die von Adrian geführte Gruppe nutzte den Spieltag für ein großes Spruchband, wo Gerechtigkeit und Aufklärung des ?Falles Acro? gefordert wurde. Adrian Rousseau durfte übrigens während des Spiels nicht ins Stadion.Am Spieltag selbst waren die alle Straßen in unmittelbarer Nähe zum Stadion voll besetzt, alles geschmückt in r n & weißen Farben, Volksfeststimmung pur. Wir nehmen reichlich eine Stunde vor Spielbeginn unsere Plätze ein und schon jetzt merkte man, dass etwas nicht stimmte. Richtig, dass sich das Klientel um uns herum so gar nicht mit dem der anderen besuchten Spiele deckte. Dachten wir vorher noch, dass sich die massenweise angekarrten Busladungen ausländischer, aber auch inländischer Touristen schon irgendwie unter die 60.000 Besucher verteilen würden, so lagen wir spätestens jetzt falsch. Stehen im Sitzplatzbereich war nicht erwünscht, Platzanweiser brachten junge Pärchen trotz massiver überfüllung auf ihre Plätze und wenige Meter neben mir las ein europäisch aussehender junger Mann einen Roman. Das waren sie dann also, die bereits von anderen beschriebenen negativen Begleiterscheinungen dieses Spiels. Zeit
zum Nachdenken blieb jedoch kaum, dann just mit dem Einlaufen der Spieler war die absolute Hölle los. Im gesamten Rund wurden rote und weiße Folienbahnen von den Oberrängen hinabgelassen, im Oberrang selbst wurden 20.000 Luftballons in Vereinsfarben verteilt. Dazu massig Konfetti, roten Rauch und einzelne Bengalos; ein genialer Anblick, ein typisch südamerikanisches Chaosintro. GIGANTISCH! Zwischenzeitlich waren natürlich auch die Barras beider Vereine einmarschiert, doch ohne Pauken und Trompeten war an keinerlei Koordination des Supports zu denken. Dachte ich wenigstens, dass sich bei Boca durch die nur 2.800 Karten die absolute Creme de la Creme eingefunden hätte und dort der tierischste Punk toben würde, sah ich mich bereits wenige Minuten später getäuscht. Ein richtig geschlossener Support war nur vereinzelt auszumachen. Ebenso auf der gegenüberliegenden Seite bei den Borrachos. Hier waren zwar gut 1.500 Jungs daueraktiv, doch irgendwie gingen sie im allgemeinen Gemurmel ziemlich unter. Mehrere Male wurde es im gesamten Stadion richtig laut, in die bekannten Gesänge eingestimmt, doch so schnell der Orkan aufgezogen war, so schnell verebbte er auch wieder und es herrschte mitunter minutenlange Stille. Was für ein Schock und wer hätte das wirklich in dieser krassen Form so erwartet? Boca enttäuscht ebenso auf dem Feld und die zuletzt vielgescholtene Mannschaft von River machte das Spiel der Runde, zwang den Rivalen in die Knie, doch das Publikum nahm es nicht so auf wie man es vermuten würde. Natürlich besteht ein himmelweiter Unterschied zwischen dem deutschen und dem argentinischen Eventpublikum. Hier wird trotzdem gepöbelt, gejohlt und aufgesprungen, was das Zeug hält, aber für das Spiel der Spiele, für den SUPERCLASICO waren hier und heute einfach die falschen Leute im Stadion. Boca drehte zwischenzeitlich in Sachen Support noch mal etwas auf, nämlich genau in der Phase, in der das eigene Team bereits mit 0-2 hinten lag und das Spiel als verloren angesehen werden konnte. Ein Zustand, den man in argentinischen Gefilden öfter sieht und hört. Verliert die Mannschaft auf dem Rasen, so singen wir in doppelter Intensität und gehen bis an unser Limit, damit wenigstens der Sieg auf den Rängen uns gehört. Nach 20 Minuten Dauergesang kommt es nun zu Auseinandersetzungen im Gästeblock, man haut sich untereinander die Fresse ein, bis sich die Situation beruhigt und sich darauf besonnen wird, dass der eigentliche Feind ja auch direkt im Unterrang sitzt. Zwar nicht einsehbar für die Boca-Hinchas, aber trotzdem wissen sie es und reißen nun Hunderte von Sitzschalen aus den Verankerungen, die allesamt mehrere Meter in die Tiefe und somit auf die Köpfe der River-Fans fliegen. Die Polizei schreitet nicht ein und so ebbt das Schauspiel erst ab, als das Spiel abgepfiffen und der Gästemob aus dem Stadion geleitet wird. Sehr überschwänglich feiern die Heimfans den Sieg jedoch nicht, denn unmittelbar nach Abpfiff wird auf der Videoleinwand ein Spiel der argentinischen Rugby-Mannschaft im Rahmen der Weltmeisterschaft übertragen, was nun gut 50.000 gebannt und mucksmäuschenstill verfolgen. über gut 30 lange Minuten!! Unvorstellbar und mehr als enttäuschend. Welche Erkenntnis nach diesem Spiel bleibt? Für mich persönlich Spiel der Spiele war dieses Derby eine herbe Enttäuschung und das trotz ohnehin schon geringer Erwartungshaltung. Nichts desto trotz war es ein tolles Gefühl mal bei diesem legendären Spiel live dabei gewesen zu sein. Interessant auch die unterschiedlichen Sichtweisen und Meinungen zu den vorangegangenen 90 Minuten der anwesenden Deutschen Ultras (neben unserer Münsteraner- Zwickauer Reisegruppe waren noch zwei Mal UF & ein SM-Mitglied vor Ort). Von Weltklasse bis ?nie wieder? reichte die Palette der Meinungen bei der abendlichen Auswertung im Zentrum der Innenstadt.
Fazit: Fußballhauptstadt der Welt. Eine übertreibung? Mitnichten! Die Masse der Vereine und zeitgleich auch die Masse der Vereine, die eine treue Fanschar hinter sich wissen, ist schier unendlich. Auch die vermeintlich kleinen Klubs wissen in ihren jeweiligen Stadtteilen eine breite Gefolgschaft hinter sich. Zudem sorgt das Fernsehen dafür, dass beinahe jeden Tag der Ball rollt. übersetzt bedeutete dies für uns, dass wir in 14 Tagen nicht weniger als 17(!) Spiele sehen konnten. Mit etwas mehr Glück (Spielabsage durch Regen) oder Motivation hätten es gar noch 2-3 Spiele mehr sein können. Als neutraler Fußballfanatiker wähnt man sich also wie im Paradies. Dass aber nicht alles Gold ist, was glänzt, haben wir selbst hautnah zu spüren bekommen. Nachdem es im Juni beim Rückspiel um den begehrten Aufstiegsplatz zwischen Nueva Chicago und Tigre zu schweren Ausschreitungen gekommen war, an dessen Ende ein Fan von Tigre verstarb, verhängte der Verband eine Sperre für alle Gästefans für alle Ligen unterhalb der obersten Spielklasse. Das Verbot dauert bis zum Zeitpunkt der Herausgabe dieses Heftes immer noch an, soll Gerüchten zufolge aber ab Dezember wieder aufgehoben werden. Noch kontroverser mutet dagegen ein Verbot für Trommeln an, welches für alle Stadien, außerhalb der “Capital Federal” gilt. Die “CF” umfasst lediglich die Stadtmitte, in den Provinzen der 13 Millionen-Einwohner Metropole sind somit die Lärminstrumente strengstens verboten. Sicher nicht nur für neutrale Betrachter ein absolutes ärgernis, stellt die Trommel in jeder argentinischen Kurve einen absolut elementaren Teil des Supports dar. Ohne Trommel kommt meist selten gute Stimmung auf, die langen Gesänge schwappen nur schwerlich auf den Rest außerhalb der Barra über. Auch die Medien nehmen ebenfalls eine ähnliche Rolle wie bei uns ein. Die täglich erscheinende Sportzeitung “Ole” widmet sich oft den Machenschaften der Barra Bravas, wobei es hier vorkommt, dass Autoren ihre Namen nicht unter die Artikel setzen, aus Angst um Leib und Leben. Das die Berichterstattung hin und wieder perverse Ausmaße annimmt, zeigten die drei Tage nach dem Spiel Newell's Old Boys vs. Boca Juniors, wo dem neuen Chef von La Doce, Mauro Martin, jeden Tag eine gesamte Seite gewidmet wurde, mit allen wissenswerten Dingen aus seinem Leben, Familienverstrickungen etc. !!! Die Kommunikation untereinander scheint dennoch zu stimmen. Just mit unserem Eintreffen, schwenkten mehrere Kurven unabhängig voneinander und über mehrere Spieltage hinweg kleine Schwenkfahnen mit einem umgedrehten und durchgestrichenen “V”. Ein V, welches angeblich für Violencia steht und symbolisieren soll, dass die Barras keine Gewalttäter sind, sondern ihre Hauptaufgabe darin sehen, ihren Verein zu unterstützen. Zu den Barras selbst kann ich nur wenig beitragen, dazu bin ich zu wenig Experte und möchte auch keine Unwahrheiten verbreiten. Wir sahen bei unseren Besuchen zahlreiche Mitglieder verschiedenster Banden aus der Nähe. Es entstanden verschiedene Eindrücke und eine pauschale Beschreibung lässt sich nicht aufstellen. Es gab Barras, die aus sehr, sehr jungen Mitgliedern bestanden, wir sahen wie z.B. die “La Bande en Villa Crespo”, bestehend aus etwa 150 Jungs verschiedensten Alters, aus 3 Bussen sprang, und das sicherlich nicht unbedingt die Art von Menschen waren, denen man nachts allein über den Weg laufen möchte, aber auch eindrucksvolle Bilder der “La Barra del Rojo” von Independiente, die sich unmittelbar vor dem Gästeblock in Banfield sammelte, dabei von der Polizei festgehalten wurde und um die herumstehende ca. 250köpfige Meute eine kreisförmige Menschenkette bildete, die sich an den Händen festhielt. Selbstverständlich ist es für uns arg gewöhnungsbedürftig, wenn das Gros der Barras erst Minuten nach Spielbeginn unter großen Tam-Tam in den jeweiligen Block marschiert, doch jedem seine Fasson. Die Stimmung im Stadion selbst ist ebenso unterschiedlich wie hierzulande auch. So gut wie jede Barra singt jedes Spiel permanent durch, egal, wann, wo und wie viele. Interessant hierbei die Tatsache, dass hierbei auf Melodien zurückgegriffen wird, die von alten Volksliedern, aber auch von alten “Schlagern” aus dem Musikbusiness bekannt sind. Genutzt werden sie von jeder Szene, doch keine Szene benutzt die Texte des anderen. Hier wird auf absolute Autonomie gesetzt, auch von den kleineren Szenen, die im übrigen nicht minder interessant sind. Samstag 11.00 Uhr, keine 200m vom großen San Lorenzo-Stadion, dem scheinbar übermächtigen Nachbar ein Fußballspiel in Liga 5 gefällig? Kein Problem, 60-80 durchgehend singende Barras sind auch hier mit Stolz und Herzblut bei der Sache. Aber auch abseits des runden Leders hat Argentinien eine Menge zu bieten, wobei man ehrlicherweise auch sagen muss, dass Buenos Aires selbst wenig touristische Attraktionen innehat. Dennoch bereitet ein Bummel durch die zahlreichen Vierteil der hektischen Stadt eine Menge Spaß. Wenig Touristen, dafür das wahre Leben, sich einfach im Menschenstrom treiben lassen sowie das Land & seine Leute beobachten. Das Preisniveau in Argentinien ist sehr niedrig. Selbst im ehemaligen Ostblock fallen mir wenige Länder ein, wo man für wenig Geld so gut leben kann. Bilanzierend bleibt festzuhalten, dass der erste Besuch in Argentinien mit ziemlicher Sicherheit nicht der Letzte gewesen sein wird. Aufregende Tage & spannende Erlebnisse machten diese Reise zu einem absoluten Highlight in meiner Fankarriere. - Mirko Otto
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BFU No. 4
ULTRA - EINE SUBKULTUR?!
Nachdem in der vorherigen Ausgabe die Frage, ob Ultra nun eine Subkultur darstellt, oder nicht aus
wissenschaftlicher Sicht betrachtet und beleuchtet wurde, kommen diesmal zwei Ultras aus dem Frankfurter
Lager zu Wort. Etliche Leser verstanden diese mehrteilige Reihe leider falsch, was auch daran lag, dass wir
den Sinn und Zweck dieser mehrteiligen Serie nur unzureichend erklärt hatten. In den folgenden Ausgaben
wollen wir verschiedene Subkulturen, die natürlich auch alle irgendwo in Verbindung mit unseren Szenen stehen,
ausleuchten. Bevor wir uns jedoch Subkulturen wie Skinheads, Mods oder auch dem Hip-Hop nähern, wollten
wir eingangs versuchen aufzuschlüsseln, ob Ultra überhaupt eine Subkultur darstellt, den wissenschaftlichen
Ansatz quasi als Einleitung benutzen. Ziel war es also nicht, unsere Art des Daseins auf peinlichst genaue
wissenschaftliche Sicht erklären zu lassen, sondern lediglich einen kleinen Einstieg in die Thematik liefern.
Bevor wir anfangen unsere Sichtweise der
Dinge darzulegen, ob eben Ultras an sich
in Deutschland eine Subkultur darstellen,
möchten wir zuerst den oftmals überstrapazierten
Begriff “Subkultur“ für uns definieren. Eine Subkultur
bedeutet für uns in erster Linie ein Netzwerk aus
“andersdenkenden“ Menschen, die zwar in dieser
unserer Gesellschaft “integriert“ sind, jedoch im
Rahmen ihrer Gegen- bzw. Subkultur versuchen,
aus den allgemeingültigen Normen auszubrechen.
Diese Netzwerke sind bzw. sollten unserer Meinung
nach zwischen verschiedenen Szenen (bspw. Musik,
Fussball, Kunst) gespannt sein, um eine übergreifende
Kommunikation bzw. Möglichkeiten zur eventuellen
Zusammenarbeit zu ermöglichen, falls gewünscht. Es
geht um Zellenbildung, Zellen im Sinne von kreativen
Gemeinschaften, die ihre Kultur in verschiedenen
Bereichen voranbringen.
Hatte man früher noch einen reinen Saufabend als
das Non Plus Ultra der Zusammenkünfte angesehen,
hat man heute ganz andere Möglichkeiten, sich
wirklich sinnvoll zu betätigen. Kreativ die Gruppe
vorantreiben, Aktionen planen oder sich einfach
über aktuelle Sachen austauschen. Dies bringt
uns zum nächsten Punkt, der in einer Subkultur
ausschlaggebend ist: Sehen und gesehen werden.
Das hört sich vielleicht ein wenig komisch an, aber
wir denken, dass dies einfach dazugehört. Wie soll
sich auch eine “Kultur“ entwickeln, wenn nicht durch
das ständige Zusammentreffen der immer gleichen
Leute. Wer immer dabei ist, wo es nur geht, steigt
bald in der Hierarchie, relativ egal, ob er sich wirklich
sinnvoll betätigt oder nicht - er ist immer dabei und
das zählt. So entwickelt sich eine Subkultur bzw.
eine “Szene“ organisch weiter ... durch regelmäßige
Treffen untereinander, die - ob gewollt oder nicht
- zwangsläufig eine Entwicklung in eine bestimmte
Richtung ergibt. Was sich auch daraus ergibt, ist, dass
der Sinn bzw. die Daseinsberechtigung einer Subkultur
aus unserer Sicht die Vermittlung von grundlegenden
Werten und internen Verhaltensmustern sein sollte.
Nur saufen und rumprollen reicht nicht. Man sieht
es ja bei anderen Subkulturen, bzw. Ansammlungen
von Leuten, die sich dafür halten ... man kommt
zusammen und es endet früher oder später in einem
Massenbesäufnis. Nix gegen Alkohol, der gehört
ja zweifelsfrei bei den meisten Leuten dazu, das ist
auch völlig ok, aber der tiefere Sinn einer “Subkultur“
sollte doch etwas mehr sein als an dieser Oberfläche
zu kratzen. Wie wir schon einmal im Text erwähnt
haben, geht es ja vor allem um eine Abgrenzung
Andersdenkender vor dem “Normalen“. Dann sollte
man aber auch etwas dafür tun und nicht selbst, wie
es oftmals ist, in seinen Wertvorstellungen dieser
“normalen“ Welt beänstigend nahe kommen bzw.
sie vielleicht sogar übertreffen. Wem das zuviel
intellektuelles Gelaber ist, dem sei gesagt, dass wir
hier von den altbekannten Werten sprechen, die man
im normalen Leben meistens vermisst: Zusammenhalt,
Loyalität, Ehrlichkeit, “Liebe“, ein sich-gegenseitiges
Unterstützen in allen Lebenslagen und vor allem
jüngeren Mitgliedern der Gruppe eben diese Ansichten
mit auf den Weg zu geben.
Der Sinn einer Subkultur für uns ist somit, pathetisch
gesagt, das Verlassen der Matrix in eine Parallelwelt,
die man nach seinen eigenen Vorstellungen aktiv
gestaltet und am Leben erhält. Fragt einen traditionellen
Skinhead oder einen Rockabilly - klar geht es um den
Spaß, dennoch fasziniert jedes einzelne Mitglied einer
Sub- bzw. Gegenkultur dieses gewisse “Anderssein“.
Auch wenn man den Sinn bzw. das Ziel seiner
Bewegung nicht klar in Worte fasse kann,, irgendeinen
Sinn muss es ja geben, sonst würden so viele Leute
ja nicht über Jahrzehnte dabei sein und ihr ganzes
Leben über die Zugehörigkeit in einer dieser Gruppen
definieren. Und selbst wenn der Sinn des ganzen keine
Revolution oder eine “Weltverbesserung“ ist - wenn
die Leute eine gute Zeit haben, Freunde fürs Leben
finden oder sich persönlich entwickeln, an der Gruppe
wachsen oder einfach mal über bestimmte Sachen
näher nachdenken, was sie ohne die Zugehörigkeit zu
einer Subkultur nie gemacht hätten ... dann ist doch
schon etwas erreicht - für jeden einzelnen.
Mitglied einer bestimmten Gegenkultur zu sein, kann
auch heißen, seinen Horizont zu erweitern, bzw.
erst einmal einen zu entwickeln, seine Denkweisen
und seinen Lebensentwurf langsam aber sicher zu
entwickeln und zu festigen. Wir könnten euch unzählige
Beispiele nennen, bei denen Leute sagen, dass sie, in
unserem Fall durch Ultrá, eine andere Sicht auf ganz
verschiedene Themen bekommen haben, dass Ultrá
ihre Augen in vielen Lebenslagen geöffnet hat und
nicht zuletzt, dass ihre persönliche Entwicklung stark
profitiert hat.
Mitte der Neunziger hatte man bei der Entwicklung
der Ultraszenerie weniger den Anspruch, sich zu
einer Subkultur zu entwickeln. Man hatte zuerst mehr
um die Anerkennung innerhalb der Fanszenen zu
kämpfen, musste sich etablieren und um seinen Platz
kämpfen, alte Strukturen aufbrechen und verstaubte
Denkweisen langsam abzutragen versuchen. Jetzt,
wo man in Deutschland schon von einer 15jährigen
Entwicklungsgeschichte der Ultras Mentalität sprechen
kann, beginnt man langsam aber sicher, sein Tun
mehr und mehr zu hinterfragen und immer öfters stellt
sich nun die Frage nach einer Subkultur... ist man
subkulturell? Sind Ultras hierzulande eine Subkultur?
Quo Vadis Ultras?
Hierbei gibt es Menschen, die es strikt abweisen, dass
ein Ultra sich als subkulturell bezeichnen darf, da für
diese Kritiker jenes ein zu hochgegriffener Begriff für
unsere “Kultur“ ist. Dieser jemand ist selbst vielleicht
ein Skinhead mit 20jähriger Tradition oder ein alt
68?er, der sich beleidigt fühlt, wenn ihm 21-jährige
etwas von “Subkultur“ erzählen wollen. Eine Tatsache,
die schon nachvollziehbar erscheint. Darum werden
wir ab jetzt mal diesen Begriff, im Sinne von Ultrá,
in Gegenkultur ändern, da dies für uns treffender
erscheint. Wir Ultras in Deutschland sind eine sich
ständig wandelnde Gegenkultur zu einem vollkommen
durchkommerzialisierten und kalten Fußball.
Viele von den Vorsätzen aus den 90er Jahren haben
heutzutage leider keinerlei Halt mehr, da der Fußball sich
verändert hat. Wie sehr vermissen wir mittlerweile die
verstaubten konservativen Vereinslogen, die Tradition
und den Familiensinn innerhalb eines Fußballvereins
gepflegt haben. Stattdessen haben wir heutzutage
knallharte Diskussionen über den Verbleib unserer
Fan-Kultur innerhalb der Kurven und müssen diese
mit Managern und Anwälten diskutieren, die unsere
Anliegen einfach nicht nachvollziehen können bzw.
wollen, selbst wenn sie das vorgeben. Diese Misere
zog natürlich Veränderungen innerhalb der Ultrakultur
mit sich. Hatte man doch Ende der Neunziger zwar
schon immer ein Auge auf die negativen Entwicklungen
im Fußball, sprich Bosmann Urteil, Versuche Vereine
zu Aktiengesellschaften umzuwandeln, um sie
“wettbewerbsfähiger“ zu gestalten, stellt uns die
Situation heute, als Fußballhardliner, vor neue,
ungeahnte Probleme. Heute, ein Jahr nach dem
deutschen Sommeralptraum WM 2006, wissen wir
alle, wo wir stehen, wobei man sich heute eher schon
wieder in einem gewissen Sinne akklimatisiert hat,
waren doch die Zustände in den Jahren vor der WM
absolut fanfeindlich und unverantwortlich.
Die Szenerie der Fans in der BRD ist reifer geworden,
dank der Umstände in der Vergangenheit. Es liegt also
an uns allen, diese Entwicklung für die Zukunft positiv
zu nutzen. Eine Entwicklung allerdings, die wir in
Frankfurt mit einer kleinen Sorge sehen, ist die “über-
Intellektualisierung“ der deutschen Ultraszenerie. Seit
Einführung der gemischten Internetforen wurden
auch die überregionalen Weltverbesserer und
Kurvenphilosophen geboren, die unsere ganze Materie
bis ins kleinste Detail durchdiskutieren. Eine spirituelle
Denkweise ist von Vorteil und auch erwünscht, aber
das ewige “Klugscheißen“ reißt auf Dauer Löcher
auf, die bislang so noch nicht existiert haben. Da
fast 80% der Stadiongänger in der Bundesliga aus
reinem Eventpublikum bestehen, strebt man mit
seiner Ultrasgruppe selbstverständlich ein gewisses
“Abgrenzen“ zur gemeinen Masse an. Aber wenn man
dies zu weit treibt, entzieht man sich der Masse, der
man eigentlich Herr werden will, um sie hüpfen und
tanzen zu lassen. Man braucht Denkerzellen, die sich
auch mit dem immer komplizierter werdenden Fußball
auseinandersetzen, um auch rhetorisch in der Lage
zu sein, als Gruppe seine Daseinsberechtigung zu
vertreten. Man muss heutzutage kreativ, flexibel und
mit einem Chininpanzer auf den Nerven bestückt sein,
um sich mit seiner, nun mal bis jetzt, vom Fußball
abhängigen Gegenkultur ULTRÁ zu behaupten.
Durch den Verlust von Freiräumen ist vielleicht auch
die intellektuelle Veränderung innerhalb einiger
Gruppierungen zu erklären. Das Leben sucht sich
nun mal immer einen Weg. Hatte man Ende der
Neunziger seinen Tellerrand mit Multikultur und Indie-
Musik erweitert, so sind es heute daraus resultierende
Weiterentwicklungen im Sinne von Streetart,
Kulturevents oder auch Hip Hop. Bei Letzterem stehen
den Ultras ganz neue Möglichkeiten zur Verfügung,
sein Wort an den Mann zu bringen, da “Ultras
Propaganda“ nun auf musikalischer Ebene existiert,
ähnlich wie die Lakaiensänger aus dem Mittelalter.
Man gewinnt man zumindest teilweise Leute, die sich
nicht mit den Fanzines, den Internetforen der Gruppen
oder auch dem gemeinen Treiben innerhalb der Kurve
beschäftigen, sondern die quasi von “außerhalb“, aus
einer anderen Gegenkultur kommen. Dies ist eine erst
kürzlich gewonnene Erfahrung und bestimmt noch
mitentscheidend bei der Entwicklung der deutschen
und darüberhinaus auch internationalen Szene.
überhaupt werden die “Conections“ innerhalb der
eigenen Stadt immer wichtiger und wertvoller, was
uns wieder zu unserer Definition einer Subkultur
bringt. Genau das meinen wir mit “übergreifender
Zusammenarbeit“. Man bewegt sich als interessierter
Mensch ja mal hier und mal dort, bei Konzerten oder
anderen kulturellen Veranstaltungen, man kennt
Kumpels aus diesem Stadtteil oder von jener Szene
sonstwo. Diese Beziehungen sind sehr nützlich, denn
über die Jahre kennt und schätzt man sich und ist sich
gegenseitig gerne behilflich, egal in welcher Situation.
Von diesem Faktor hängt unserer Meinung nach ganz
entscheidend der “Erfolg“ bzw. die Langlebigkeit von
Ultrá in Deutschland ab! Schafft man es, Leute und
Szenen aus verschiedenen Ecken seiner Stadt, seines
Gebietes zusammenzubekommen, nur dann kann
man sich entscheidend weiterentwickeln, sich neue
Einflüsse und Inspirationen holen und damit dann
das erreichen, was eigentlich der Sinn von Ultrá und
somit Folklore in Reinkultur ist: Das gemeinsame
Zusammenstehen für die Stadt und für seinen Verein!
Um die Frage, ob Ultras in Deutschland eine
Subkultur darstellen bzw. subkulturelle Ansätze
aufweisen, fundiert genug zu beantworten, fehlen
uns natürlich die Einblicke in Strukturen der Szenen.
Vom Gefühl her würden wir persönlich sagen, dass
generell noch eine ganze Ecke fehlt, um wirklich
als ernstzunehmende Subkultur zu gelten, wirklich
begründen können wir dies aber nicht. Es liegt wie
so oft im Auge des Betrachters und im Grunde kann
sich niemand herausnehmen, aus der Ferne andere
Szenen/Gruppen/Stadtverhältnisse zu beurteilen.
Da die Gesellschaft eines jeden Landstriches in der
BRD auch verschieden strukturiert ist, kann man den
Leuten, die sich mit Ultrá beschäftigen, auch kein
“Erfolgsrezept“ mit auf den Weg geben wie man am
besten die Ultrá-Kultur angeht und in seiner Szene
verankert. Oft waren wir es in Frankfurt leid, dass
man uns oft einfach nur abkopiert hat, mit dem Ziel,
denselben Erfolgsweg in seiner Szene anzustreben,
obwohl wir auch keinen Hehl daraus machen, dass wir
uns auch woanders unserer Inspiration bedienen. Oft
kamen die Ideen aber aus ganz anderen “Subkulturen“
oder Szenerien. Jeder sollte sich auf seine Stadt oder
regionseigenen Wurzeln besinnen, da Ultrá, wie schon
gesagt, die Weiterführung der lokalen Tradition ist, die
vom Kommerz und von der Globalisierung vernichtet
wird und die wir versuchen über die Zeit zu retten.
Mischt die Kulturen und vernetzt euch und lernt
voneinander. Habt Respekt anderen gegenüber
und ihr werdet nach einigen Jahren merken, dass
man euch mehr und mehr respektiert. Sofern ihr
das nötige Fingerspitzengefühl aufweist und euch
auch kommunikativ und weltoffen allen gegenüber
verhaltet.
Und denkt darüber nach, dass Ultra unseres Erachtens
nicht geschaffen wurde, um in, frei nach Adorno, eine
zu intellektuelle “Frankfurter Schule“ abzudriften, die
80% Prozent der Masse nicht versteht und somit
ablehnt. Denn bei der allgemeinen Verblödung unserer
Gesellschaft durch die Medien ist es dringend von
Nöten, dass die Denker und Philosophen unter euch,
die ihre Worte an den Mann bringen wollen, auch die
einfach gestrickteren, sprich den gemeinen Event-
Fußballfan, nicht ausgrenzt, sondern sie eher umgibt,
um sie von außen nach innen an eure Gedanken und
Visionen heranzuführen.
Portionsweise und mit der nötigen Zeit, damit sie sich
mit diesen neuen, von euch geförderten Erfahrungen
intensiv auseinandersetzen, Schritt für Schritt und mit
Geduld zum Erfolg. Es gibt keine Kultur, die man mit
der Brechstange innerhalb von 5 Jahren auf die Beine
stellt. Ultrá in Deutschland ist gereift, aber niemals
am Ende seiner Möglichkeiten. Man entwickelt
und entdeckt sich immer wieder neu, dies ist auch
vonnöten. Das sollten auch endlich viele von den
älteren unter euch verstehen und sich nicht verzweifelt
an die 90er Jahre klammern. Wir wussten damals alle
nicht, wohin uns der Weg führen wird und wir waren die
ersten, die damit anfingen, Ultrá zu modifizieren, um es
für uns verständlicher oder heimischer zu gestalten. Wir
waren es, die mit unserer Generation einen Grundstein
für etwas gelegt haben, uns einem ausländischen
Phänomen bedient und es frei nach deutscher Art für uns
ummodelliert haben. Wer sagt denn, dsas Ultrá nicht,
genau wie das Leben selbst, sich stets entwickelt und
neu formiert?! Abstruse Aussagen wie z.B. “Ultras sind
gewaltfrei“ - wo ist denn diese Gesellschaft bitteschön
gewaltfrei? Es ist natürlich jedem freigestellt wie er Ultrá
für sich ganz persönlich definiert.
Gebt der neuen Generation die Freiheit, sich selbst zu
entdecken und zu entfalten in den paar Freiräumen, die
uns noch bleiben. Die letzten Freiräume, die wir haben,
sind unsere Seelen und unsere Herzen, in denen der
Fußball so leben soll wie wir ihn gerne hätten, er aber
niemals wieder so sein wird. Wenn Ultra eine Subkultur
werden soll, dann funktioniert das nur, wenn man
unabhängig ist. Wir sind aber vom Medium Fußball
vollkommen abhängig. Wären wir dies vielleicht nicht,
sondern hätten zwei oder drei Standbeine in unseren
Städten wie Musik oder freie, raumschaffenden Zentren,
in denen man Kunst, Sport und Kommunikation betreibt,
dann kann sich immer etwas weiterentwickeln und wir
könnten von einer Unterwanderung der Gesellschaft
sprechen und wären so schnell nicht klein zu kriegen ...
vor allem wären wir flexibler.
Uns machen Vorgänge in einigen Städten Sorgen ...
solange der Fußball oben auf ist und wir mit ständiger
Verbannung rechnen müssen, gerade die Szenen, die
zu klein sind, als dass man sie im breiten Rund einiger
Stadien ernst nehmen könnte, gerade dann müssen
wir uns neue Wege suchen, die irgendwann alle wieder
miteinander zusammenfließen können. Nutzt alle euch
zur Verfügung stehenden Wege, um euch mehr Stärke
und ein besseres Standing in eurer Stadt zu verschaffen,
welches euch im Endeffekt, bei langer, zielgerichteter
Arbeit auch den nötigen Rückhalt in euren Kurven
geben kann und euch vor der Zerstörung bewahrt.
Dies ist eine Vision, ein philosophischer Vorschlag, an
den man glauben muss, wenn man will, dass das Ziel,
welches wir als lokalpatriotisch und kreativ definieren,
erreicht werden soll. Denn ohne einen Glauben an
irgendetwas wird man immer auf der Stelle stehen und
sich irgendwann im Nichts auflösen, vielleicht sogar
ohne dass man es selbst bemerkt.
Glaubt an Ultrá - und an eine hoffentlich positive
Zukunft für alle!
Was bleibt noch zu sagen?! Bildet Verknüpfungen
in eurer eigenen Stadt, akquiriert gute Leute für eure
Gruppen und sorgt dafür, dass das Phänomen ULTRAS
nie mehr aus den Köpfen der Menschen hier und
anderswo verschwindet!
Ultras Forever - Forever Ultras !
- Daniel Reith & Daniel Renker (UF?97)
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BFU No. 3
Die Geschichte des Nord Kaos Terni
Ich gebe mir Mühe, diese Geschichte zu erzählen,
auch wenn sie mir schwierig und teilweise gar
etwas traurig vorkommt, um ehrlich zu sein. Ich
werde auch Vergleiche mit der Nord nach unserer
Periode außen vor lassen, aus purem Respekt
vor den Leuten, die sich geopfert haben, um sie
weiter zu tragen. Ebenso habe ich keine genauen
Informationen über sie, da ich nicht an ihren
Projekten teilgenommen habe.
Die Nord entstand um die Saison 89 / 90 und
in ihr standen verschiedene Gruppen, die sich
aus Mitgliedern zwischen 16 und 30 Jahren
zusammensetzten. Die ersten, die einen Fuß in die
Nord setzten, waren die “Mods“ aus Arrone. Sie
waren “Modernisti“ im eigentlichen Sinne, von allen
bekannt, Sammler von sehr seltenen Vinylplatten
und immer in ihrem Stile gekleidet. Weitere Gruppen
waren das “Park Kaos“, dessen Name einen Park
in ihrem Quartier bedeutete; die “Brigata Gin Tonic“,
alles Leute zwischen 27 und 35 Jahren deren Name
schon viel über sie aussagte; die “Slappers“; die
“Cani Sciolti“; die “Gillette Group“, auf deren Fahnen
große Rasierklingen prangten; die “NK Girls“, deren
Mitgliederinnen vor allem weibliche Mods und Pin-
Up-Girls waren; ihre Fahne stellte eine Rose und
eine Pistole dar, der “Irish Clan“, die “Shining Group“
und viele weitere Gruppen.
Innerhalb der Kurve, neben den Mods, gab es aber
auch Leute, die der Skinhead- und Rockabilly-Kultur
zuzurechnen sind. Diese Leute stiegen aus der Est
aus diversen Gründen aus, da war vor allem aber
die Lust, etwas Neues zu kreieren, Protagonisten
zu sein, eine Alternativen anzubieten, ohne damit
den Freaks zu widersprechen. Unsere Liebe zum
englischen Support sah man in jeder Sache, die
wir angingen. Die Basis eines jeden Handelns war
die Perfektion, sowohl bei der Materialgestaltung wie
auch beim Kurvenbesuch. Die Organisation war bis ins
kleinste Detail studiert, was mehr dem Perfektionismus
der Mods als dem englischen Stile entsprach.
Es waren die letzten heißen Jahre der alltäglichen
Schlägereien vor den Gymnasien. Es war eine Zeit
des Widerstands und der Kontrapositionen in Terni, die
sich teilweise auch auf das Stadionleben auswirkte.
Aber die Nord war nicht “schwarz“, wie es uns gerne
viele Leute anhängten, da gab es wirklich etwas von
allem.
Nach einer Weile begannen wir, alles zusammen mit
den Jungs der Curva Est zu machen, die Momente
der Missverständnisse waren vorbei und gewisse
Sticheleien gingen über in eine hervorragende
Zusammenarbeit. Ich erinnere mich hier zum Beispiel
an einen Bus nach Lucca, Hälfte Freak Brothers,
die andere Hälfte Curva Nord, wundervoll wie jenes
Auswärtsspiel gelebt wurde. Ebenso die Choreographie
der 7000 Ternani in Perugia, mit der großen “Umbria-
Rossoverde“-Blockfahne, gemacht von Curva Nord
und Freaks zusammen.
Gegen Ende des Jahres 1990 beschlossen wir alle
zusammen das “Nord Kaos“ zu formieren. Es war
dabei vor allem das Transparent, das die Gruppen
zusammenschweißte, ohne dass diese aber ihre
eigene Identität verloren. Jede Woche trafen wir uns
in der Bar “Great American Disaster“ im Zentrum zur
Sitzung; wir entschieden Fragen über Material und die
Führung der Zaunfahnen. Was das Material angeht,
waren die Schals im englischen Stil immer unsere
Prunkstücke. Alles wurde professionell gemacht und
in sehr limitierter Anzahl hergestellt. Die “Andy-Capp“-
Stil-Kappen gab es dennoch nur für die Mods. Für
jene Zeit hatten wir aber T-Shirts und Kleber in sehr
speziellem Stil.
Die Geschichte des Nord Kaos Terni
Perugia-Ternana 2006-07
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Jede Gruppe besaß, neben ihrer Zaunfahne, einige
Doppelhalter und eine große Schwenkfahne. Wenn man
die Bilder genau betrachtet, stellt man fest, dass einige
davon ganz einfach spektakulär waren, die Streifenfahnen,
die originellen Namen,...
Es waren andere Zeiten, es waren Zeiten, in denen es jeden
Sonntag zu Ausschreitungen kam, und was für welche:
Gegen Livorno, Bologna, Arezzo, Siena, Salernitana,...
waren es Kriege seit dem Morgen früh.
Was die Freundschaften angeht, sind wir heute noch stolz
darauf, dass wir die Kontakte zu Sampdoria, nachdem
sie sich wieder verloren hatten, wieder aufbauten und
stärkten. Es war auch die Anfangszeit der Freundschaft
zwischen Freaks und BNA, wo niemand je erwartet hätte,
dass es eine der größten und schönsten Freundschaften
in Italien werden würde. Ebenso waren es die Jahre der
wunderschönen Beziehung zu Casertana.
Die Kurve sah zu der Zeit folgendermaßen aus: Die
Zaunfahne des NK wurde vor der Kurve auf dem Feld
aufgehängt, im zweiten Glied die kleinen Standarten
und obenan noch die Zaunfahnen. Es war eine perfekte
Organisation, zudem wurde viel Material von für Terni
bemerkenswerter Qualität hergestellt. Es wurden an jedes
Spiel interne Busse veranstaltet.
Die besten Jahre waren die ersten drei. Danach, mit
dem finanziellen Kollaps des Vereins und der Serie D,
distanzierten sich viele Leute von Ternana und es blieben
sehr wenige übrig, teilweise beschränkte sich unsere
Anzahl auf 50 Leute. Es kam das Jahr 1996, die graueste
Periode für ganz Terni: Die Zaunfahne der Freaks wurde
geklaut, was auch uns hart traf. Es war ein Moment großer
Orientierungslosigkeit, ich erinnere mich heute noch ganz
genau an diese schwarzen Tage. Wir gingen ebenso in die
Versammlung der Freaks, um mitzubekommen, welche
Pläne sie hatten, doch der Schlag war zu stark, als dass wir
aufstehen und weitermachen hätten können. Am selben
Abend saßen wir vom Nord Kaos noch zusammen und
beschlossen uns aufzulösen. Dies war nicht eine Folge des
Fahnenklaus, sondern eine Folge unseres Ablaufs. Nur wer
begriffen hatte, dass wir nicht mehr die von früher waren,
begriff auch unser Schritt, der in einem Tal der Tränen, aber
auch der Ehre endete. Die Basis, unseren Namen weiterhin
nach vorne zu tragen, war nicht mehr da. Wir konnten nicht
eine Zaunfahne tragen und dabei nicht die Stärke haben,
diese überall zu verteidigen. Nur die junge Basis des alten
NK war geblieben und in diesem ersten Moment wurde der
Name Nord Kaos von allen Gruppennamen gestrichen, es
wurden nur noch kleine Fahnen mit unserer Herkunft darauf
getragen (Cardeto, Centro Storico, Battisti, Borgorivo,...).
Danach löste sich alles auf. Viele gingen zurück in die Est,
einige Gründer der “Working Class“ kamen aus der Nord,
andere blieben in der Nord, aber ohne weiter aktiv zu sein,
andere wanderten in die Distinti ab. Unsere Epoche war zu
Ende, unser Moment war fertig.
Schnitt. Vor drei Jahren trafen wir uns wieder mal mit
einigen alten Leuten im “GO“, wo wir uns sagten: “Wieso
machen wir nicht wieder mal ein Bus von unserer alten
Nord nach Florenz?“ - In einer halben Stunde füllten wir
einen ganzen Car. Alles Leute zwischen 26 und 45 Jahren.
Ich erinnere mich daran als wäre es ein Derby in der Nord
gewesen.
Schnitt zurück. Damals begannen die Derbys bereits am
Morgen um 9 Uhr, wo die Kurve schon voll war, alle
drin, Organisation, Planung, Hyperaktivität. Alle
waren sich bewusst, dass das unser größter Auftritt
war, ein Support, den wir früher niemals hatten.
Wir hatten etwas unglaublichen, unwiederholbares
kreiert. Ich erinnere mich an die Bäder der Nord,
die überall mit unseren Wandbildern verziert waren;
die Shirts; die Chöre,... die enorme Leitschrift “We
are Coming - We are Nord Kaos!“ Das Schönste
war, dass ich dort drin die Freunde für mein Leben
gefunden hatte, die mich heute noch begleitet. Ich
erinnere mich an all diese Fahnen, die wir überall
hin brachten, von Bari bis Trieste. Ich erinnere mich
an die ganzen Vormittage, die wir verbrachte, um
Fahnen und Material herzustellen und die Tage, die
wir mit unseren Freunden aus Genua oder Caserta
verbrachten. Jetzt, wo ich den Text schreibe, gehen
mir wieder alle Gesichter und Gedanken jener Zeit
durch den Kopf, alle wir, die im Corteo von der Bar an
der via Leopardi zum Stadion zogen... wir, die jene
englischen Kurven analysierten und uns inspirieren
ließen - Wir waren sehr viele und alle geschlossen;
das war unsere Stärke. Ich persönlich blieb in der
Nord, zusammen mit einigen Anderen, weil wir
unsere Kurve nicht verlassen wollten. Wenn ich die
Leute über uns reden höre, läuft es mir heute noch
kalt den Rücken runter und ich bin stolz. Und wenn
mich dann Leute ansprechen, die 50 Jahre alt sind
und das alles aus der Est miterlebten, macht mich
das noch mehr stolz. Mamma mia, was für eine
Mühe, das alles zu schreiben. Seit gestern Abend
schreibe ich, modifiziere, forme um und komme
doch zu keinem flüssigen Text. Aber wie schön
- auch wenn mir viele Leute in den Sinn kamen,
die nicht mehr unter uns weilen, andere, die in den
Heroinsumpf abgerutscht sind. Aber ich schwöre
es dir, wenn heute noch jemand von uns spricht,
heißt dies, dass wir doch etwas ganz Großes auf
die Beine gestellt hatten und unseren Platz in einer
Stadt erreicht hatten, in welcher die Freaks derzeit
in ihrer größten Blütezeit waren.
- Nord Kaos Ternana
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BFU No. 2
Es war nur eine Frage der Zeit...
Aktion führt zu Reaktion und so überrascht es nicht, dass
irgendwann beidseitige Tropfen ein Fass
zum überlaufen bringen sollten. Nach Catania, so
die Stimmen diverser italienischer Ultras, wird der
Fußball nicht mehr der Gleiche sein. Europaweit
macht sich Resignation breit, Gruppen sind
erschüttert von der Polizeigewalt und Repression,
die Sicherheitsorgane antworten mit dem einzigen
für sie wirksamen Mittel gegen Gewalt, nicht
beachtend, dass die Spirale der Gewalt sich
weiterdreht. In diesem Artikel wird versucht, eine
Bestandsaufnahme vorzunehmen, das Warum zu
analysieren und die schwierige Frage der Lösung
anzugehen. Insbesondere der letzte Teil begreift
sich nicht als absolute Wahrheit, sondern erhofft
sich, endlich eine Diskussion auszulösen.
Seit Dekaden sind Fußballfans gewalttätig und
so war die Fußballwelt von verschiedenen Arten
und wechselnder Intensität der Gewalt betroffen,
wirklich Herr werden konnte ihr aber niemand.
Die Gewalt der Fans wurde schon immer von
Gegenmaßnahmen und Gewalt der Polizei
begleitet und so ist es nirgendswo gelungen,
Fußball mit seinen Jugendsubkulturen zu erhalten
und trotzdem die Gewalt einzudämmen. Mitte
der 80er begann ein massiver Kampf gegen die
“Fratze des Fußballs“, den Hooligans, welcher mit
dem zusammengeschlagenen Polizisten Daniel
Nivel in Lens und den daraus resultierenden
Gegenmaßnahmen eine massive Eigendynamik
entwickelte. Hooligans verschwanden aktiv beinahe
völlig aus den Stadien, die damaligen Veränderungen
im Fußball wurden zwar von anderen aktiven Fans
bereits kritisiert, von der breiten Massen aber
beinahe dankend angenommen. Man zog die
steigende überwachung, stärkere Kontrollen oder
einen höheren Zaun der Gewalt von Hooligans vor.
In völliger Absurdität sind noch heute und in weiterer
Zukunft die Folgen dessen in England zu erkennen.
Dort gibt es bereits keine junge, bunte, ungehemmte
Fußballkultur mehr. Fans müssen ohne Alkohol
auswärts fahren, die überwachung (CCTV) ist
unbeschreiblich hoch und zu internationalen
Wettbewerben gibt es 2500 Ausreiseverbote. Die
Rechnung ging auf: Hooliganismus ist in den oberen
Ligen und internationalen Wettbewerben von Seiten
Englands massiv eingedämmt worden, das Konzept
wird europaweit als “englisches Modell“ gelobt.
Nun sind nur noch wir Ultras in der Schusslinie.
Eben jene Ultras, welche sich vor und nach
Spielen an Bahnhöfen angreifen, Züge und Busse
abfangen, Märsche aufeinandertreffen lassen,
Fahnen anderer Fans klauen und verbrennen, im
Stadion Bengalos anzünden und in die Nebenblöcke
schmeißen, Trennzäune überwinden, Polizisten
schlagen, auf den Staat und sämtliche offizielle
Fußballorganisationen scheißen und damit für
einen fußballfernen, neutralen Betrachter durch
nichts von den Hooligans zu unterscheiden sind. Ich übertreiben? Vielleicht, aber das ist die Welt aus der
uns die Menschen sehen. Die Menschen, welche
kein Problem mit der Antwort haben, die uns bereits
seit Jahren von Sicherheitsorganen vorgesetzt wird:
Repression und Polizeigewalt.
Und hier beginnt die Spirale. Was war zuerst da, die
Henne oder das Ei?
Die Stimmung unter den Ultras in ganz Europa
gegenüber der Polizei und den darüberstehenden
Organen ist völlig vergiftet. Irrational wird ein
angegriffener Polizist, welcher im Rahmen einer
rassistischen Hetzjagd einen Fan erschießt (PSG-
Hapoel Tel Aviv) als kaltblütiger Mörder dargestellt,
mit dem erschossenen Polizisten Filippo Raciti
vom Catania- Freitag hat jedoch niemand- mich
eingeschlossen- Mitleid gehabt. Beide sind
Menschen, welche im Rahmen eines Fußballspiels
starben, eigentlich doch bitter und traurig, oder?
Stattdessen wird der Polizist als ein Symbol für
die Institutionen gesehen, welche er vertreten hat.
Eine unterdrückte Freude über ausgleichende
Gerechtigkeit war festzustellen und aufgezählt
wurden die Toten, ein perverses Gegenrechnen
begann. Am 10.01.93 wurde in Bergamo eine
Stunde nach dem Spiel von Atalanta ein Tifoso von
der Polizei zusammengeschlagen und verstarb.
Noch heute wird ihm gedacht, er gilt als Symbol der
Polizeigewalt. Also nur Ausgleich? Unentschieden?
Die Reaktionen waren hämische Graffiti und
ausgepfiffene Schweigeminuten in Italien und
eine wenig konstruktive Auseinandersetzung
mit der eigenen Gewalt in Deutschland, welche
durch die Vorfälle beim Spiel Lok gegen Aue II
neue Nahrung erhielten und in der bürgerlichen
Presse als Vergleich zu Catania herangezogen
wurden. Trauer gab es auch, allerdings nur über
die wahrscheinlich steigende Repression. Dass
diese mit solcher Vehemenz in Italien auftrat, ahnte
wohl noch niemand und ein Ende ist nicht in Sicht.
Niemand kann wirklich beurteilen, wie sich die
Lage in Italien entwickeln wird. Wird Ultrá sterben,
das englische Modell sich innerhalb von wenigen
Jahren durchsetzen oder wird italienischer Klüngel
und Mauschelei wieder Einzug halten? Kontrollen
werden nach einigen Wochen wieder beinahe
eingestellt und sämtliche Regeln von allen Beteiligten
wieder ignoriert und alles bleibt beim Alten? Bis das
nächste Derby ansteht, die nächste Papierbombe
fliegt, der nächste Polizist oder Fußballfan stirbt
und alles wieder von vorne los geht. Sicher scheint
nur zu sein, das konnte ich aus allen Gesprächen
mit italienischen Ultras in den letzten Wochen
feststellen, dass - mal wieder - keine konstruktive
Lösung gesucht wird. Und auch hier in Deutschland
hat keine interne Debatte über unsere Gewalt und
die oben aufgezählten Straftaten von UNS Ultras
begonnen. Versteht mich nicht falsch, ich schreibe
über unsere “Verbrechen“ hier völlig ohne Wertung,
aber es ist klar, dass sie auch weiterhin Reaktionen
hervorrufen werden.
Durchsuchte Busse, verhaftete Insassen, sechsjährige
Stadionverbote, schwerverletzte Fans, Zivi- Besuche bei
der Arbeit, nackte Fans am Einlass im Durchsuchungszelt
und ungefähr tausend weitere Schikanen haben in den
letzten Jahren nicht für das gesorgt, was die Polizei, der
DFB oder das Innenministerium sich erhofften: Dass wir
ruhig werden und einknicken.
Es hat vielmehr dafür gesorgt, dass junge Leute anfangen
Polizisten kollektiv zu hassen, das Vertrauen an den
Rechtsstaat absolut zu verlieren und bereit sind, gewisse
Unterdrückung und Unfreiheit zu akzeptieren und im
Gegensatz dazu den Kampf nicht aufzugeben. Diese führte
zu einer absolut vergifteten Atmosphäre und einem Krieg
von zwei Fronten, in dem zum einen keinerlei Annäherung
zu erkennen ist und zum anderen rein realistisch sogar mit
einer weiteren Verschlechterung zu rechnen ist. Gehen wir
davon aus, dass die Repressionen weiter ansteigen, aber
auch die Ultr‡bewegung stetig wächst und weiterhin bereits
14jährige jedes Wochenende mit unverhältnissmäßiger
Polizeigewalt konfrontiert sind, dann ist absehbar, wie
die Verhälnisse sich weiter verhärten. Beidseitig ist in der
Eskalation noch lange nicht das Ende der Fahnenstange
erreicht. Ich mache mir Sorgen, wenn ich daran denke,
dass die absoluten Härtefälle der Unterdrückung, welche im
Moment evtl. bei der Polizei noch zu internen Ermittlungen
führen oder in den bürgerlichen Medien kritisiert werden,
zum Normallfall und somit eine Verknüpfung aller
repressiven Schandtaten irgendwann ligaübergreifend an
jedem Wochenende völlig normal werden könnten. Gewalt
erzeugt Gegengewalt und völlig wertfrei ist das verständlich.
Unsere Gewalt, oder das was sie dafür halten und daher so
nennen, erzeugt Gegengewalt der Polizei. Die Repression
und Polizeigewalt erzeugt bei uns Gegengewalt und die
Spirale dreht sich weiter. Sollten wir aber weiterhin solch
eine miserable Lobbyarbeit betreiben wie im vergangenen
Jahrzehnt, werden Ultras auch weiterhin der Spielball für
Repressionsversuche sein. Nur sollten wir aufhören uns
zu beschweren, denn schlussendlich sind wir mit Schuld
daran, dass uns keiner zuhört.
Eine Aussicht, eine Lösung, die Rettung? Die werde
ich hier auch nicht bieten können, aber ich habe die
Hoffnung, dass jetzt begonnen wird sich mit der Spirale zu
beschäftigen. Es ist sonnenklar, dass wir ein Wettrüsten
nicht gewinnen können, selbst ein mediales Armdrücken
zwischen Ultras und den Sicherheitsorganen würden wir
immer verlieren. Begeben wir uns also auf die Suche nach
anderen Lösungen.
Ich bin sehr, sehr froh über die Tatsache, dass
(ernstzunehmende) Ultr‡gruppen aufgehört haben mit
der Polizei zu reden. Jeder Versuch einer “Kooperation
im Kleinen“ hat dafür gesorgt, dass Ultras von ihren
szene(un)kundigen Beamten oder den Einsatzleitern
angelogen worden sind, sobald sie ihre Informationen
erhalten hatten. Stattdessen sollten die Fanprojekte
gestärkt und ihre Rolle als vermittelnde Position zwischen
den Vereinen, der Polizei und den Fans ausgebaut werden.
In Italien ist so eine vermittelnde Einrichtung bisher
überhaupt nicht vorhanden, doch zur Zeit entwickeln sich in
einigen italienischen Städten vergleichbare Einrichtungen
nach deutschem Vorbild. Fanprojekte müssen unterstützt
den Stellenwert bekommen, der ihnen durch ihre
Wichtigkeit und Unverzichtbarkeit gebührt. Wir dürfen
nicht den Fehler machen, und durch eigene gewachsene
Strukturen im Verein und der Fanszene, ständig steigenen
Mitgliedszahlen und gestiegener Organisationskraft, auf die
vermittelnde Tradition von Fanprojekten zu verzichten
und diese zu ignorieren.
Sollten Ultras Probleme mit dem Fanprojekt ihres Vereins
haben, ist genau dort ein Ansatz. Besetzt Eure Fanprojekte
mit Euren Positionen, Idealen und auch Personen. Wir
können auch von ihrer Arbeit lernen und fangen an unsere
Pressearbeit auszubauen und geben uns Mühe vernünftige
Stellungnahmen zu schreiben. Ultras in Deutschland
haben einen enormen Nachholbedarf in der Vermittlung
von Informationen und dem Beeinflussen der restlichen
Fans. So werden Infoblätter und Fanszines eher ultr‡intern
geschrieben und verteilt, Sendungen im freien Radio oder
größere Informationen und Infoveranstaltungen sind
selten- oftmals nicht überraschend bei der Ignoranz die
ihnen entgegnet wird. Der Informationsfluss fließt daher
nur von einer Seite.Unkommentiert spuckt eine riesige
Pressemaschine immer wieder in Schüben Wahrheiten
und Unwahrheiten über die Gewalt von Fußballfans bzw.
den nötigen Gegenmaßnahmen aus und besitzt damit -
auch dank unserer Faulheit - ein Meinungsmonopol.
Es ist wie erwähnt nicht davon auszugehen, dass wir
irgendwann am längeren Hebel der Gewalt sitzen
könnten, selbst die klammheimliche Freude “es den
Bullen irgendwann heimzuzahlen“, würde wiederum
eine deutliche Antwort nach sich ziehen. Es besteht
aber die Möglichkeit - trotz mangelndem Vetrauen in
deutsche Rechtsstaatlichkeit - sich auf juristischem Weg
zu wehren. Auswärtsfahrten und Märsche können von
Anwälten begleitet werden, um mit diesen Polizeifehler
zu dokumentieren, aber auch um sich kritisch über das
eigene Verhalten auszutauschen. Strafanzeigen und
Dienstaufsichtbeschwerden gegen (leitende) Polizisten
sind sicher mühsam und gefährlich, da sie oftmals
abschreckende Gegenanzeigen und Stadionverbote nach
sich ziehen, aber auch hier kann immer wieder angesetzt
werden. Viel zu oft haben Ultras in den letzten Jahren
aufgegeben und sich mit leichtestem Entgegenkommen
zufriedengestellt. Dienstaufsichtbeschwerden schränken
die Polizei in ihrem kriminellen Handeln ein und
verhindern eine Beförderung solange der Vorgang
läuft. Dieses schränkt die Polizisten ein und bremst
sie eventuell im nächsten gleichliegenden Fall in ihrem
Verhalten, die Folgen sind eher langfristig zu sehen. All
diese Dinge kosten Geld und daher müssen sich Ultras
an den gemeinschaftlichen und kollektiven Gedanken
ihrer Gruppe erinnern. Für einzelne sind es oftmals große
Beträge die anstehen, für die gesamte Gruppe jeweils nur
ein paar Euro, welche auf Soliparties, durch Spenden
und mit Versteigerungen schnell geschafft sind. United
we stand!
Es ist aber auch an der Zeit, dass wir Ultras beginnen
uns selber zu hinterfragen, in welchem Punkt wir unsere
Prioritäten setzen wollen. Wenn die Konsequenz unsere
Zündens ist, dass wir keine Zauntransparente aufhängen
dürfen, dann können hier eigene Wertigkeiten überdacht
werden. Wenn der Hass gegenüber anderen Vereinen
eine verknüpfende Zusammenarbeit mit eben jenen
verhindert, werden Ultras in Deutschland nie gemeinsam
eine Position ihrer Interessen erarbeiten können. Wenn die
Abneigung gegenüber Insitutionen wie DFB oder FIFA so
groß ist, dass lieber auf Gespräche verzichtet wird, können
wir auch in Zukunft kein Entgegenkommen erwarten.
Anderseits steht fest, dass Ultrá als Jugendsubkultur
einen großen Teil seiner Faszination durch etwas
Unbeugsames und Rohes aufrechterhält. Wenn wir uns
all dies selber wegkürzen, geht automatisch ein Teil der
Anziehungskraft verloren. So oder so befinden sich Ultras
in Deutschland, Italien, Frankreich, Griechenland und
vielen anderen Ländern auf einem schwierigen Weg.
Es wäre nur mal an der Zeit loszugehen. Buffalo Soldier (USP)
|
BFU No. 1
“Wir schreiben das Jahr 2007...
viele Ultrasgruppen des Landes haben sich mittlerweile fest in ihren Szenen etabliert und die Bewegung findet weiterhin Zulauf - gerade unter den Jüngeren. Denn dank der häufig vorzufindenden offen Mitgliederstrukturen ist es (beinahe) jedem Stadiongänger möglich, sich in die Gruppe einzubringen und als Mitglied zu fühlen. Es wird ja geradezu um Mitglieder geworben! Doch was bedeutet es wirklich, Mitglied einer Ultrasgruppe zu sein? Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, müsste man vielleicht zuerst einmal die Masterfrage schlechthin beleuchten:
Was bedeutet Ultras? Wer an dieser Stelle nun irgendwelche Definitionen oder seitenlange, komplexe Abhandlungen - die nötig wären - erwartet, der irrt, denn ich möchte nur auf eine Sache hinaus: Ultra ist man entweder ganz oder gar nicht - und das ein Leben lang! Auf dieser These aufbauend möchte ich zurück zur Eingangsfrage kommen, denn in Zeiten, wo dreistellige Mitgliederzahlen selbstverständlich sind, ist klar, dass ein Großteil lediglich durch Kauf eines Ausweises Mitglied wird und sich auch als solches fühlt. Kaum einer macht sich jedoch vorher darüber Gedanken, was es bedeutet Mitglied in einer Ultrasgruppe zu sein. Warum auch? Es wird ja nicht von ihm verlangt! Wie heißt es doch immer so schön? Wenn du unsere Ziele unterstützt, dir eine farbenfrohe, supportstarke Kurve wünschst und mit Leib und Seele XY bist, werde Mitglied bei uns! Natürlich sind dies auch Elemente, die für uns unabkömmlich sind, doch sollte dies nicht schon Bedingung sein, überhaupt ins Stadion gehen zu dürfen? In der heutigen Zeit droht die Subkultur Ultras immer mehr zu einer Modeerscheinung zu werden, da unsere Gruppen verwässert werden. Natürlich bleibt der harte Kern davon unberührt, die offene Mitgliederstruktur macht in der heutigen Zeit voller Repression und Staatsgewalt auch ihren Sinn und ich missgönne es auch niemanden, dass er einfach nur durch Kauf eines Ausweises Mitglied in meiner Gruppe wird! Das entschuldigt jedoch nicht dafür, dass die wahren Werte und Ideale augenscheinlich nur noch eine untergeordnete Rolle spielen. Wenn sich jemand dazu entschliesst, einer Ultrasgruppe beizutreten, dann hat er sich eben auch dementsprechend zu verhalten. Das muss der jüngeren Generation klar sein! Früher war die Mitgliedschaft die Belohnung für jahrelanges Engagement, heute ist es halt andersrum. Einer Mitgliedschaft müssen Taten folgen! Man steht heute also erst am Anfang, wenn man Mitglied wird, der Weg beginnt erst! Wichtig ist, dass man nicht stagniert, dass man sich weiterentwickelt, Dinge hinterfragt, die Regeln kennen und respektieren lernt und sich langsam an die Szene heranarbeitet. Der Ausweis allein jedoch bedeutet nichts! Nur was von Herzen kommt, das zählt! Man muss bereit sein, dieser Materie mehr zu opfern, als nur 90 Minuten am Spieltag. Man muss jeden Tag mit Begeisterung früh morgens aufwachen, mit dem Wissen, dass man Teil einer Gruppe, einer ganzen Bewegung ist, die in einem die unglaublichsten Gefühle hervorrufen kann. Aber natürlich nur, wenn man dafür auch selber etwas gibt, etwas leistet und mit Herzblut dabei ist! Ultras sein, dass ist nicht nur ein Hobby oder ein Job, es ist auch mehr als die vielzitierte Lebenseinstellung, es ist ein Lebenswerk, an dem man jeden Tag konsequent arbeiten muss. Diesem Lebenswerk gilt es alles unterzuordnen und nicht selten muss man dafür auch Opfer bringen: Arbeit, Schule, Familie etc. sind zwar Dinge, die man aus menschlicher Sicht respektieren muss und auch kann, doch dürfen sich die Prioritäten nicht verschieben. Sollte dies der Fall sein, dann muss man sich eingestehen, dass man sein Lebenswerk nicht vollenden kann (manchmal wird man vom Leben auch dazu gezwungen, dann ist es auch für uns verständlich, wenn sich die Prioritäten verschieben. Doch muss ein “Abgang“ stilvoll erfolgen, wenigstens die Gedanken müssen weiterhin bei der Bewegung sein, Werte und Ideale müssen weiterhin eine Bedeutung haben und dürfen nicht in Vergessenheit geraten.). Kurz gesagt: man muss sich nicht von allem lossagen, Beruf, Privatleben und Familie etc. können durchaus mit unter den Hut gebracht werden, eine Abwechslung ist oftmals sogar nötig, doch muss jedem klar sein, wo die Prioritäten liegen! Natürlich kann man all das nicht gleich von jedem Neuen verlangen oder voraussetzen, auch nicht das Wissen darüber, was ihn erwartet. Es muss jedoch unser Ziel sein, das jeder mal auf diesen Weg kommt. Oft scheint es jedoch so, dass viele Neue den Eindruck hätten, Zeit und Leidenschaft nur für einen begrenzten Zeitraum opfern zu müssen! Kann man da dann aber wirklich von Leidenschaft, Herzblut und Ehrlichkeit reden? Der jungen Generation, scheint es immer mehr an Wille, Interesse und Bereitschaft zu fehlen. Zum einen gibt es ne Menge Konkurrenzangebote: Der alte Freundeskreis, meist aus dem Heimatdorf, der örtliche Fussballverein, Computer (Spiele), Internet, Frauen, Discos (ein Klassiker aus ist auch der Beat-Abend im Nachbardorf), Kino, Verwandte... All das sind Dinge, die einem in seiner Entwicklung hemmen und Zeit für das Wesentliche rauben. Diese “unwichtigen“ Dinge behindern viele Jugendliche, den noch letzten, entscheidenden Schritt zu gehen, und sich völlig auf die Kurve, die Gruppe und sein Inneres zu konzentrieren. Diese Opfer und völlige Hingabe glauben die meisten Leute heute jedoch nicht mehr bringen zu müssen. Heutzutage muss man ja überall dabei sein, und wird dann auch bei einer Ultrasmitgliedschaft gedacht. Da muss ich jedoch alle enttäuschen, die glauben, das man da “einfach mal so mitmachen kann“, denn wir sind keine zeitlich begrenzte Spasstruppe, von der man nur profitieren kann! Viel mehr muss von jedem Mitglied mehr als nur 100% gefordert werden, denn es ist v.a. eine Verpflichtung für jeden von uns, der Kurve unter dem Namen “Ultras“ dienen zu dürfen. Als wäre es nicht schon genug, dass die Leute ihre Zeit mit o.G. Sinnlosigkeiten vergeuden, scheint der Großteil heutzutage sein Ultra-Leben im Internet führen zu müssen. Unglaublich! Da wird stundenlang über Aufkleber, Doppelhalter und Dorfultras diskutiert, es werden Mutmaßungen angestellt, Gerüchte verbreitet, profiliert und mit Halbwissen um sich geworfen etc. Aber vielleicht, denkt sich wohl jedes kleine Szenen-Licht, kann man im www ja ein bisschen Fame erlangen, wenn man schon nichts in der eigenen Szene bewegt. Das spiegelt wunderbar das Niveau 90% aller sogenannten (deutschen) “Ultras“ wieder. Heute kann sich ja auch jeder Sack auf zwei Beinen “Ultras“ schimpfen und sich den dazugehörigen Pulli kaufen. Aber wissen, was man da trägt, tut man nicht, geschweige denn, dass man dafür auch mal einstehen würde. Warum auch? Die gerade aufgeführten Merkmale, eines durchschnittlichen “Ultra“ verlangen ja auch gar nicht, dass man auch nur für irgendetwas einsteht. Aber wehe, es wird einmal eine Fahne gezogen, dann heisst es immer so schön “die war nicht wichtig“ oder “die wurde unfair gezogen“. Ebenso, wenn man mal attackiert wird... Dann ist das Geheule groß! Ok, falls man bei so einer Situation auch mal dabei war, denn meistens ist es hinter einer Polizeikette ja doch knuffiger... Dann heisst es Sonnenbrille auf und Pöbelmodus an. Danach im NU-Forum noch ACAB schrei(b)en und beklagen, dass kein Rankommen war, obwohl man ja sooo motiviert war, weil das Polizeiaufgebot ja so immens war. Kaum einer rafft, dass es hier um mehr geht, als nur um Fussball. Ein bisschen Sing-Sang, Tifo und Eierschaukeln vorm PC. Hier geht es um Ehre, Stolz, Loyalität, Fanatismus, Leidenschaft, Liebe, Hingabe, Aufopferungsbereitschaft, Intensität, Identität, Emotionen, Enthusiasmus, Leiden, Glaube, Wille, Kampfbereitschaft, Geilheit, Stärke, Macht - um Ultras. Wir leben und sterben für unsere Gruppe, unseren Verein, unsere Stadt, unsere Ziele und Ideale! Es ist gar eine Selbstverständlichkeit. Doch bei vielen scheint alles so gezwungen und aufgesetzt zu sein. Wo sind die wahren, echten Gefühle? Allein im Stadion muss ich mich manchmal wundern, wie wenig Herzblut und Leidenschaft von den Leuten verkörpert wird. Wenn unsere Elf nach vorne stürmt, wenn die Gesänge in der Kurve angestimmt werden! Wo ist euer Stolz? Wo ist eure Ehre? Wo werden die Schals und Farben unseres
Vereins voller Inbrunst präsentiert? Wo sind eure Emotionen? Wo ist eure unendliche Liebe zum Verein, die keine Opfer in Frage stellt? Wer nun begreift, dass man selbst in erster Linie tätig sein muss, nur wer jeden Tag aufs Neue beweist, dass er das ist, was er vorgibt zu sein, nur wer mit allen Konsequenzen, dass auslebt, wofür die ganze Gruppe und die Bewegung einsteht, nur wer den Verein, um den alles geht, im Herzen trägt, nur der wird den Respekt und die Anerkennung bekommen und nur der wird sich als vollwertiges Mitglied fühlen können - egal ob mit oder ohne Ausweis! Die Schuld ist aber auch bei uns zu suchen. Denn wir sind doch diejenigen, welche die Werte und Ideale weitervermitteln sollten! Wir sind es, die getreu unseren Zielen (vor)leben müssen, was wir sind, wir sind es, zu denen die junge Generation aufschauen muss! Doch was ist eigentlich aus uns geworden? Wo sind die Leute, die aufstehen, die sich wehren, die kämpfen? Wo sind die Leute, die für ihre Ideale sterben würden? Ein gewisses Maß an Anpassung ist in der heutigen Zeit sicher notwendig, doch dürfen wir unsere Werte nicht verlieren, sonst stirbt die nächste Generation! Normalerweise sollten wir jeden Gästeblock voller Stolz und Ehre betreten und unsere Farbe vertreten, unseren Verein huldigen. Doch stattdessen lassen wir uns schon am Eingang von unmöglichen Ordnern maßregeln und demütigen. Wir sind fast an einem Punkt angekommen, an dem
wir uns entscheiden müssen. Geben wir essentielle Werte und Ideale auf, um uns anzupassen, da ein
Kampf in unserer momentanen Verfassung und der allgemeinen repressiven Lage aussichtslos erscheint? Damit erreichen wir wenigstens, das wir weiter in der heutigen Zeit überleben und das tun können, was unser Lebensinhalt ist: Nämlich ins Stadion gehen, um unseren Verein siegen zu sehen. Belügen wir uns aber damit nicht selbst? Oder gibt es einen Mittelweg, der uns alle befriedigt? Oder aber: ziehen wir unseren Weg konsequent durch, mit dem Ergebnis, dass wir dem heutigen Fußball bald den Rücken kehren müssen, da er nicht mehr unseren Idealen entspricht, was aber gleichermaßen einem Selbstmord entspricht? So oder so... verlieren wir, so dass jetzt auch der Letzte gemerkt haben müsste, dass er mit der jetzigen Einstellung nicht weit kommt. Es ist auch noch nicht zu spät, der Kampf hat gerade erst begonnen. Wenn jeder einzelne endlich mal kapiert, worum es geht und bereit ist, dafür alles zu geben, dann werden unsere Bewegung und unsere Leidenschaft, unsere Ziele und Ideale niemals sterben!!! Es ist unser Sport, für immer und ewig! - Steffen Krapf
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