Alles über Ultras: Magazine, Bücher, Sonderausgaben, DVDs und mehr!

Rund um Ultrà #News

02.08.2017 // POSTER Saisonrückblick

Auf vielfachen Wunsch, haben wir nun das Cover vom aktuellen Saisonrückblick als Poster drucken lassen. Für nur 2,99 Euro ist es hier bei uns im Shop erhältlich.


21.07.2017 // Saisonrückblick 16/17

Auch in der Sommerpause kannten wir keine Rast und haben voller Elan am neuen Saisonrückblick gewerkelt. Die Druckerei hat ebenfalls saubere Arbeit geleistet und so sind die fertigen Hefte viel früher als erwartet bei uns eingetroffen. Wer noch nicht bestellt hat, sollte nicht lang fackeln und direkt zuschlagen!

Leseproben

BFU No. 39

Die magischen zehn Prozent – Vom Possenspiel um die eigentlich normalste Sache der Welt

Vor Jahren noch undenkbar und vielleicht maximal aus einigen hauptsächlich osteuropäischen Ländern bekannt, treiben nun auch verringerte Kontingente für Auswärtsfans oder gar komplett geschlossene Gästesektoren uns allen die Sorgenfalten auf die Stirn. Noch sind Spiele ohne Gästefans oder komplett unter Ausschluss der Öffentlichkeit in Deutschland nicht die Regel. Glück im Unglück, dass bereits im Jahr 2012, als zum Beispiel Dynamo Dresden beim Gastspiel in Frankfurt und kurz darauf die Frankfurter Eintracht bei Union Berlin von solchen Maßnahmen betroffen waren, die Regelungen mittels List und Tücke ausgehebelt wurden. Leider sind diverse Schlupflöcher aufgrund der häufig ausverkauften Stadien oder leicht zu überwachenden Anreisewege, gerade in kleineren Städten immer seltener zu umgehen. Fast noch perfider sind die reduzierten Kontingente für Gästefans, denn oftmals boykottieren die Szenen dann „freiwillig“. Eine Universallösung ist leider nicht in Sicht, zumal meist wechselnde Instanzen für die Entscheidung verantwortlich sind. Mal ist die Strafe vom DFB ausgesprochen und folglich macht ein Protest keinerlei Sinn, dann ist wiederum der gastgebende Verein in Zusammenarbeit mit der Polizei die treibende Kraft .
So war in diesem Frühjahr neben den Derbys zwischen Mönchengladbach und Köln sowie Osnabrück und Münster, nun das Spiel zwischen dem 1.FC Magdeburg und Hansa Rostock ins Blickfeld gerückt. Der Grund: Nachdem der FCM den Vorverkauf für das Spiel abgeschlossen hatte, gab die Vereinsführung bekannt, dass die Rostocker nur ein personalisiertes Kartenkontingent von 700 Stück zur Verfügung gestellt werden könne. Das wären deutlich weniger, als die (nicht verbindlichen) DFB-Richtlinien vorsehen, die die Abgabe von zehn Prozent der Stadionkapazität an Anhänger des Auswärtsteams vorsehen.
In Rostock reagierte die Fanszene umgehend und kündigte die Austragung einer Demonstration am Spieltag in Magdeburg an. Im Nachhinein ein cleverer Schachzug und der wohl einzig sinnvolle, denn zwischenzeitlich hatten die zuständigen Polizeibeamten aus Sachsen-Anhalt gar eine komplettes Verbot der Gästefans vorgeschlagen. Nun aber war mit der Demonstration ein ganz anderer „Gefahrenherd“ im Anmarsch der zudem noch von BLOCK U torpediert wurde, da selbige sich mit den Rostockern solidarisierten und sogar öffentlich bekanntgaben, Karten für den Heimbereich für die Hansa-Fans zu organisieren.
Es folgte ein Hin und Her von Pressemitteilungen der Involvierten. Der FC Magdeburg glaubte, mit dem Festhalten am Angebot von 700 Auswärtskarten einen Kompromiss zwischen den Vorstellungen der Polizei, Hansa Rostocks und denen der Fans gefunden zu haben. Doch die Stimmung der Anhänger ließ sich damit nicht mehr besänftigen. Fans beider Vereine hielten an ihren geplanten Aktionen fest und forderten weiterhin zehn Prozent.
Die Nachtigall trapsen hörten nun auch die Fans von Dynamo Dresden, die ein ähnliches Szenario für ihr für Mitte April geplantes Spiel in Magdeburg befürchteten und kurzum ebenso eine Demo in Magdeburg anmeldeten. Natürlich am gleichen Tag des Spiels zwischen dem FCM und Hansa .Der Worst Case für die Polizei schien nun immer näher zu rücken. Anstatt ein Spiel ohne Gefahrenherd, wollten nun nicht nur die Rostocker durch Magdeburg marschieren, viel mehr war nun auch noch eine dritte Partei im Spiel.
Nachdem auch die Magdeburger Fans weiter Druck aufbauten, einigte man sich schließlich auf ein weiteres Treffen zwischen den verschiedenen Instanzen. Mehrere Stunden wurde dort offenbar alles bis ins kleinste Detail erörtert, bis jedoch die erfreuliche Meldung folgte und den Rostocker Gästen schließlich die 2000 Karten zugesprochen wurden.
Letztlich entscheidet immer der Verein, wie viele Karten er wem zur Verfügung stellt. Das hat auch die Polizei klargestellt. Ihre Gefahrenprognose für das Spiel änderte sie nicht. "Dabei hat die Solidarisierung der Fanszenen aufgrund der Kartenproblematik bereits im Vorfeld für eine Entschärfung gesorgt", sagte Jens Janeck, Leiter des sozialpädagogischen Magdeburger Fanprojekts. Dies wolle die Polizei in ihrer Beurteilung leider nicht berücksichtigen.
Damit wird das gesamte Dilemma der bisherigen Entscheidungsfindung sichtbar. Der FCM versteckte sich lange Zeit hinter der Gefahrenprognose. Und die Fans sind trotz des späten Eingehens auf ihre Forderungen unzufrieden. BLOCK U erhebt öffentlich schwere Vorwürfe: Man sei es leid, von der eigenen Vereinsführung für dumm verkauft zu werden. Offenbar ist die Kommunikation schon länger belastet.
Für uns also Grund genug mal wieder in Magdeburg vorbeizuschauen. Die Aussicht auf einen „Demo-Tag“ lockte sogar mich mal wieder hinten dem Ofen vor. Das es letztlich „nur“ ein normales Spiel werden sollte, tat meiner Entscheidung keinen Abbruch. Auf nach Sachsen-Anhalt!

1.FC Magdeburg vs. FC Hansa Rostock 4-1
Sa. 5.03.16
Heinz-Krügel-Stadion
20.361 Zuschauer
2.000 Gäste

Auf der Fahrt kreisen meine Gedanken. Zwar nicht mehr ganz so taufrisch, aber trotzdem irgendwie noch im Kopf präsent ist er, mein allererster Besuch im alten Ernst-Grube-Stadion. Es war im Februar 1997, die ersten Gehversuche in Punkto Fußballtourismus, und auf der Rückfahrt vom Bundesliga-Kick zwischen Bremen und Freiburg bot sich der Besuch eines 1. FCM-Spiels förmlich an. Heute würde ich aufgrund der Konstellation wohl die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, denn die NOFV-Oberliga Staffel Süd war alles andere als attraktiv und vom großen Zuschauer-Boom, den die Stadien einige Jahre später erlebten, konnte damals noch keine Rede sein. Der Stadionbesuch war in diesen Niederungen des Ligen-Systems wirklich nur denen vorbehalten, die nicht anders konnten. Hinzu kam noch eine wirtschaftlich instabile Zeit und Arbeitslosenquoten jenseits der 20%-Marke waren auf dem Gebiet der ehemaligen DDR keine Seltenheit. Ein Spiel gegen den FV Dresden-Nord ist zwar auch heute noch keinen Zungenschnalzer wert, war es aber auch damals noch nicht und so verfolgten diesen grausamen 0-0-Kick allerhöchstens 350 Zuschauer. Ein Fanblock ließ sich in der imposanten Schüssel auch nicht richtig ausmachen, und so wären meine Erinnerungen an das Spiel nicht existent, wäre nicht diese 89. Minute gewesen. Warum auch immer, erhoben sich plötzlich linkerhand der kleinen überdachten Tribüne etwa 100 Hooligans und stimmten ein lautstarkes „FC Magdeburg, du bist niemals alleine...“ an. Ich weiß noch wie heute, wie ich beinahe aus den Latschen gekippt bin, aufgrund von Text & Melodie, die bis dahin noch nie gehört hatte. Fakt war, Magdeburg musste ich im Auge behalten und versuchen, bei einem besseren Gegner zu erwischen.
Wie Zufall und Schicksal manchmal so spielen, sollte das überraschenderweise nicht lange dauern. Einige Spieltage später sollte es zum Aufeinandertreffen der beiden punktgleich Platzierten kommen. Jetzt war die Bude schon besser gefüllt und 3.600 Besucher säumten die maroden Traversen gegen den Gast aus Dresden. Dynamo? Mitnichten! Der Dresdner SC schickte sich damals an und hatte die Mission, den Schwarz-Gelben in der eigenen Stadt den Rang abzulaufen. Eine aus heutiger Sicht interessante Entwicklung, denn blickt man auf die damalige Tabelle, tummelten sich unter den ersten Vieren neben jenem erwähnten DSC noch der VfL Halle und Fortuna Magdeburg. Es bahnte sich in genau diesen drei Städten eine Wachablösung an. Einstmals erfolgreiche Vereine aus vergangenen DDR-Zeiten waren völlig runtergewirtschaftet, taugliche Sponsoren ließen lieber die Finger von dem Knäuel aus jahrelanger Misswirtschaft und alten Seilschaften und suchten sich stattdessen andere Betätigungsfelder. Wie wir heute wissen, reichte es meist zu keiner ernsthaften Wachablösung, die Popularität innerhalb der Bevölkerung ließ sich logischerweise auch nicht von heute auf morgen verschieben. Jetzt, im Jahr 2016 redet niemand mehr von diesen Klubs, stattdessen krebsen sie zwischen Oberliga und Bezirksebene umher. Doch besagte Saison 96/97 war noch nicht zu Ende und sollte noch einige Höhepunkte beinhalten. Sportlich blieb bis zum Ende ein Vierkampf, und so wurde ich Augenzeuge, wie im Mai ein Sonderzug aus Magdeburg nach Bischofswerda rollte. Martialische Bullenaufgebote vor Auswärtsfahrten mit Regionalzügen waren damals zumindest in den neuen Bundesländern nicht die Regel, es konnte eigentlich jede Szene problemlos und stressfrei anreisen und von Sonderzügen hatte ich bis dahin nur in Fanzines gelesen. Umso überraschter war ich, als im verträumten Örtchen Bischofswerda plötzlich 600 Magdeburger einem solchen Gefährt entstiegen und wie eine blau-weiße Walze zum Stadion zogen. Was dann dort geschah, war selbst für die damalige Zeit schon heftig, und ich schätze, dass das Spiel noch heute Kultstatus an der Börde besitzt. Ein Gästemob, der im Stadion schaltete und waltete, wie ihm lustig war. So wurde während des Spiels einfach mit einem großen Haufen der Block via Innenraum(!) gewechselt, dann mal auf den Rasen gestürmt, um dem gegnerischen Torhüter beim Abschlag eine einzuklinken und überhaupt, wenn jemand ein Beispiel für Anarchie hätte suchen wollen, hier und heute wäre er fündig geworden. Das Unentschieden reichte jedoch nicht, weshalb nun sieben Tage später die Entscheidung fallen sollte. Wieder war ich live dabei und da, wo ich noch drei Monate vorher ein beinahe verwaistes Stadion vorgefunden hatte, tummelten sich nun gegen Hoyerswerda 9.200 Besucher, die den Ball quasi irgendwie ins Tor drückten und damit dem FCM den Weg in die Regionalliga ebneten. Der blau-weiße Riese war somit wieder erwacht und bot mir in den folgenden 2-3 Jahren (später hatte ich mich dann sattgesehen in heimischen Gefilden und fokussierte den Blick eher gen Ausland) einige unglaubliche Momente. Halbstündige Randale wie nach Spielen in Stendal, wo Polizeiautos zerstört, Beamte ja fast schon ein Spießrutenlaufen erlebten, oder Heimspiele wie gegen Dynamo Dresden, Union Berlin oder den BFC Dynamo, allesamt behaftet mit dem Flair der guten, alten Fußballzeit.

Sportlich reichte es für die Bördestädter in den folgenden Jahren aber nie zu Höherem, und als dann bedingt durch den Umbau des Ernst-Grube-Stadions, welches gegen den FSV Zwickau beiderseits gebührend verabschiedet wurde, jahrelang das Germer-Stadion mit seinen flach gehaltenen Tribünen als Ausweichstätte fungierte, war das Potential der Magdeburger Szene meist nur zu erahnen. Wohlwollend hätte man von einem schlafenden Riesen sprechen können und nicht wenige Kritiker von außerhalb glaubten zu wissen, dass der just angeschlagene „polnische Weg“ hier irgendwie nicht funktionieren würde. Würde ich nun nach meiner Meinung gefragt werden, könnte ich selber keine objektive Antwort geben, zumal sich mittlerweile auch die Klingen meines Vereins mit den Magdeburgern kreuzten und es schwierig ist, da halbwegs objektiv zu urteilen.
Und heute? Heute ist der FCM in aller Munde, vor allem, was die Präsentation auf den Rängen angeht, meint man fast, ganz Deutschland redet über nichts anderes. Der Weg, der offenbar nicht immer Sinn machte, hat ein erstes Ziel erreicht, zumindest das, was man auf Videos sieht und hört, irgendwo liest oder aufschnappt. Wird also Zeit, nach fast 20 Jahren mal wieder einen neutralen Platz im heutigen Heinz-Krügel-Stadion einzunehmen und zu schauen, was wirklich dran ist am Hype.
Für Geschehnisse vor dem Spiel übergebe ich das Wort an Marco Bertram von turus.net:
„Es sagt schon einiges, dass es sich am heutigen Samstag um den größten Polizeieinsatz in den neuen Bundesländern bei einem Fußballspiel seit 1990 gehandelt haben soll. Polizisten hoch zu Ross. Mehrere Wasserwerfer stets auf Standby. Das östliche Magdeburg musste mit etlichen Straßensperrungen leben. Tausende Einsatzkräfte sicherten sämtliche Zufahrtswege ab. Und am Ende? Verlief soweit alles friedlich. Von kleineren Zwischenfällen am Rande, zu denen es wohl immer kommt, mal abgesehen. Es wurde gemunkelt, dass der kleinste Vorwand genügen könnte, um einen Polizeieinsatz zu rechtfertigen. Die Randale blieb jedoch aus - den Behörden, Einsatzkräften und auch den Medien wurde keinerlei Futter gegeben. Der Reihe nach. 11:30 Uhr Bahnhof Magdeburg Herrenkrug. Der Sonderzug rollte ein und die angereisten Hansa-Fans sammelten sich auf der Straße. Alles völlig entspannt. Da auch das Wetter hervorragend mitspielte, versprach es ein angenehmer Nachmittag zu werden. Zumal die vor Ort befindlichen Einsatzkräfte sich angenehm zurückhielten und die Helme von Beginn an unten blieben. Vorbei am Buga-Gelände glich der gegen 12 Uhr startende Marsch eher einem Spaziergang. Man mochte es kaum glauben nach all den hitzigen Debatten im Vorfeld dieser mit Hochspannung erwarteten Partie. Wut? Frust? Hass? Davon war nichts zu spüren. Klar, eine Spaßveranstaltung war es nicht, die passenden Botschaften hatte man auf Transparenten dabei. doch wer gedacht hatte, nach dem Verlassen des Sonderzuges würde sich all die aufgestaute Wut entladen, der sah sich getäuscht. Unaufgeregt ging es gen Stadion. Nur ab und zu stimmte man einen Gesang an. Wozu sich verausgaben, wenn ringsherum eh niemand zuhören kann? Entlang der Route vom Bahnhof Herrenkrug zum Stadion trifft man auf nicht allzu viele Einheimische.
„Für den Erhalt der 10%-Regel. Gegen Gästefanverbote.“, lautete die zentrale Botschaft, die in blau-weißer Schrift in Form eines Banners an der Spitze des Marsches gezeigt wurde. „Nehmt uns die Luft, schlagt uns ins Gesicht, doch unseren Fußball, den kriegt ihr nicht!“, hieß es ein Stück weiter hinten. Die Herrenkrugstraße entlang, vorbei am markanten Jahrtausendturm, ging es vor bis zur Tessenowstraße. Dort wurde links abgebogen auf das einstige Kasernengelände, das nun ein Wohngebiet ist. Hinten rum, fernab der Magdeburger Fans, ging es schließlich weiter zum Gästeblock der MDCC-Arena. Während die Hansa-Fans zum Stadion zogen, hatten sich vor den einschlägigen Kneipen an der Berliner Chaussee ansehnliche Gruppen angesammelt. Magdeburg wurde wieder einmal seinem Ruf gerecht. Und schon bald machte sich eine dunkel gekleidete Truppe im Laufschritt auf gen Rostocker Marschroute. Vielleicht könnte man ja doch die angereiste Fußballgesellschaft persönlich begrüßen. Die meisten FCM-Fans ließen lieber weiter das kühle Bier die Kehlen hinunterfließen. Gute Grundstimmung auf dem Vorplatz des Stadions. Vergleicht man die Atmosphäre (und auch die Bierpreise an den dortigen Ständen) mit der im Umfeld manch eines Bundesligastadions, so kann man die Magdeburger nur beglückwünschen. Wenn es nicht gerade Hunde und Katzen regnet, kann man die verbleibende Zeit vor dem Spiel überaus angenehm bei einem Schwätzchen verbringen.“
Zum ersten Mal stand ich nun auf neutralem Platze im neuen Baukasten und sogleich fiel zum einen die unsinnige Konstruktion der Stützbalken für das Dach, sowie der mangelnde Platz (zumindest in der Höhe) für Zaunfahnen auf. In meinen Augen das größte Manko, denn ein buntes und breites Zaunfahnenbild gehört für mich irgendwie immer dazu. BLOCK U hat mit der zentral hängenden 1. FC Magdeburg-Zaunfahne sicher das Optimum rausgeholt, in diesem baulichen Stückchen Katastrophe.
Viel Zeit zum Sinnieren blieb jedoch nicht, denn der Anpfiff nahte und es tönten die ersten orkanartigen Gesänge gen Rasen. Nun hat sich die Magdeburger Szene mit mir keinen einfachen Beobachter an Land gezogen, denn der polnische Stil, der hier verkörpert wird, muss sich meiner Vielzahl an gesammelten Erfahrungen in Polen stellen… Nach der ersten Halbzeit musste ich aber bereits, wenn auch widerwillig, konstatieren, dass sich einem Vergleich nicht gescheut werden muss. Entweder donnerte der BLOCK U alleine los oder aber es wurden die anderen beiden Tribünenteile mit einbezogen, die fast förmlich darauf warteten und beinahe bettelten, sich endlich am Support beteiligen zu dürfen. Schalparaden während des Spiels, wo selbst der letzte Typ am hintersten Rand beim Pufferblock seine Farben zeigte, oder einzelne Gesänge, die jeweils abwechselnd eine Tribüne von sich gab. Tja, was soll ich sagen? Das war für deutsche Verhältnisse schon einzigartig und so einen Fanatismus beim überwiegenden Teil der Normalos für den eigenen Verein dürfte man landesweit nicht so häufig erleben.
Was aus neutraler Sicht dann natürlich eine Kurvenbeobachtung abrundet, ist der Gästeblock. Wie bekannt, bekam Hansa letztlich 2.000 Karten zugesprochen, und da der eigentliche Sektor für die Gäste in der Ecke als Pufferblock diente, war der heutige Standort, nämlich direkt hinter dem Tor, kein schlechter. Die Zaunbeflaggung zu Beginn sorgte für etwas Stirnrunzeln und erinnerte mich an die Zeiten in den 90er-Jahren, war aber dem Aspekt geschuldet, dass die Fahnen gar nicht gezeigt werden sollten, sondern eingerollt waren und aus meiner Perspektive eben ein komisches Bild ergaben. Zudem schwieg der Tross von der Ostsee die ersten zehn Minuten symbolisch für die 10%-Gästekarten-Regel, um dann mit einem Male wie aus der Kanone geschossen loszudonnern. Ein Fingerschnipp und wirklich alle Gästefans würfelten sich wie wild durcheinander, ehe die ersten lautstarken Lieder folgten. Ich hab mir eigentlich vorgenommen, auf die Worte „brachial“ und „100%ige-Mitmachquote“ zu verzichten, aber angesichts des Gebotenen komm ich doch nicht umhin. Auch hier hab ich mal geguckt, und tatsächlich hebt selbst der ganz oben am letzten Rand stehende Rostocker seine Arme auf Geheiß. Er müsste das gar nicht, weil es der Vorsänger niemals sehen kann und es ist ja normal ist, dass am Rand Stehende extra dort stehen, weil sie keinen Bock aufs Mitmachen haben. Hier aber nicht. Das zog sich dann eigentlich über die 80 Minuten komplett hin. Da guckste nach links, wo dir der Magdeburger Gesang in den Ohren dröhnt, wechselst den Blick dann schnell nach rechts, wo 2.000 Hanseaten wie wild mit den Schals wedeln und schaltest dann ab, um schnell zu überlegen: Bei welchen Spielen in Polen warste, um das vergleichen zu können? Kann man das vergleichen und mit wem am ehesten? Lech? Könnte sein, muss ich immer dran denken, wegen der gleichen Vereinsfarben. Eigentlich kann man sagen, viel besser als hier und heute dürfte es kaum gehen, und ich denke, dass sich diese drei (ich nehm mal noch Dynamo mit rein) Traditionsvereine, die heute allesamt nur drittklassig kicken, da was echt Krasses aufgebaut haben.
Über gesanglichen Stil lässt sich bekanntlich stets vortrefflich streiten, der eine mag es eben geschlossen, während andere auf eine eigene persönliche Note stehen. Das soll aber in meinen Augen nicht Gegenstand eines Spielberichtes sein, denn was ich heute zu sehen bekam, war stimmig, passend und authentisch. Nichts anderes würde ich schreiben, wenn heute der Gegner aus einem 470km entfernten Ort gekommen wäre und dort 117 Gästefans, umringt von einer 14 Jahren alten Gruppe, ihren für sich selber durchdachten Stil gefahren wären und Lieder gesungen hätten, die sie über die Jahre geprägt haben. Das würde ich dann ähnlich bejubeln und hoch bewerten. Jede Szene muss logischerweise ihren eigenen Weg finden, und gerade Deutschland, wo immer noch viel zu viel Einheitsbrei die Szenerie bestimmt, täte es gut, wenn mehr und mehr Gruppen einfach mal jahrelang konstant ihr eigenes Ding machen, irgendwann kommt sicher was Stimmiges bei raus. Gerade verschiedene Stile in optischer Darstellung und Gesang geben dem Gesamten den Feinschliff und machen die landesweite Szene dann wieder ein Stückweit attraktiver.
Wer heute auf ein optisches Spektakel, bestehend aus Choreographie und massivem Gebrauch von Pyrotechnik gehofft hatte, wurde allerdings enttäuscht. Damit war jedoch zu rechnen, denn seitens BLOCK U war der Diskurs mit der eigenen Vereinsführung noch nicht beendet, und so wurde nach außen hin verdeutlicht, was man von der gesamten Posse hält. In der 1. Hälfte des vorherigen Heimspiels gegen die Kickers aus Stuttgart-Degerloch wurde komplett geschwiegen und auch heute ein Zeichen gesetzt. Ob das die Vereinsoberen wirklich interessiert, ist fraglich. Ein fader Beigeschmack bleibt aber zumindest aus dem letzten Heimspiel bestehen, denn nicht alle im HKS befanden den Stimmungsboykott als sinnvoll, und so stimmten die Besucher auf den anderen beiden Tribünen immer mal wieder Gesänge an. BLOCK U reagierte darauf übrigens mit harschen Worten im eigenen Kurvenheft, die mich selber etwas überraschten, zugleich aber verdeutlichten, dass sie im „Alles eitel Sonnenschein“-Spielchen nicht mitspielen und zeigen, dass sie sich nicht als Dienstleister für Fußballstimmung sehen. Eine gute Art von Selbstverständnis.
Was bleibt also nach den 90 Minuten hängen? Das Bild von BLOCK U welches sich auch aufgrund einiger gelesene Berichte oder Interviews im Kopf aufgebaut hat, wurde zu 100% bestätigt. Beeindruckende Performance, um es mal neudeutsch auszudrücken und ein interessanter Stil, der hier bewusst etabliert wurde. Fakt ist aber auch, dass eine Schwalbe allein noch keinen Sommer macht und sich die Szene an ihren jetzigen Auftritten messen lassen muss, wenn die 3. Liga zum Alltag geworden ist und der sportliche Erfolg mal ausbleibt.
Aus das Fazit zum Auftritt der Gäste aus Rostock fällt verständlicherweise positiv aus. Diese standen dem Ganzen in nichts nach, keine Ahnung, was man da besser oder anders machen sollte. Da stehen halt 2.000 Kunden wie eine Wand da und verkörpern mit allen ihnen möglichen Mitteln Hansa Rostock. Chapeau an beide Seiten und zurück ins Funkhaus!

BFU No. 38

SG Dynamo Dresden vs. 1. FC Magdeburg

Sa. 31.10.2015 / 3. Liga / Rudolf-Harbig-Stadion / Zuschauer: 29321 (ausv.) / Gäste: 1.800

In der Tiefe meines Herzens glaube ich, dass sich die wahre Qualität einer Kurve erst im Ligaalltag zeigt. Dementsprechend stehen Highlightspiele eher selten auf der Tagesordnung, aber bei diesem Aufeinandertreffen ist der Reiz doch groß. Einerseits die Größten der Welt, angeführt von der geschlossenen Phalanx des mächtigen Block U. Und auf der anderen Seite mit UD eine Gruppe, die auch mit durchaus gesundem Selbstbewusstsein durch’s Land zieht. Dazu die Aussage, dass dieses Spiel das wahre Derby sei. Dieses Mal aber in echt und deshalb hängt die Fahne „Dynamo-Fans gegen den FCM“ nicht stellvertretend beim FSV Zwickau sondern im Dresdner Stadion.

Dresdner Stadtgespräch im Vorfeld der Partie ist das Projekt X. Von UD medial geschickt unter’s Volk gebracht, manifestiert sich das Projekt am Spieltag in einer mehrere hundert Meter langen orangenen Schlange, die sich über die Lennéstraße zieht. Die größte Blockfahne Europas wird ihrer Bestimmung übergeben, untermalt von Fackeln und Rauch, allerdings kaum von Gesängen begleitet. Die Schlange liegt dann einige Zeit wie ein Ring ums halbe Stadion und wird etwa eine Stunde vor Spielbeginn unter dem Jubel des K-Blocks in den Innenraum getragen. Gerade zu diesem Zeitpunkt machen im Gästeblock etwa ein Dutzend komplett vermummter Madgeburger auf sich aufmerksam und klettern ein bisschen am Trennzaun rum. In meiner bescheidenen Wahrnehmung geht’s da mehr um Präsenz zeigen denn ernsthafte Action, aber bei vielen Dynamos wird’s sicherlich gekribbelt haben.

Gegen Anpfiff wird der Standort aus praktischen Erwägungen neben den Gästeblock verlegt. Erstens bleibt diese Ecke von der Blockfahne sicherlich ausgespart und zweitens muss der Gästeblock einer genaueren Betrachtung unterzogen werden. Natürlich ohne Voyeurismus, sondern allein im Auftrag einer guten Berichterstattung im BFU. In diesem Sinne bleibt festzuhalten: rund ums Mundloch drängt sich ein schwarzer Mob in dreistelliger Anzahl und überwiegend mit Sturmhaube vermummt – später wird sich herausstellen: für die gesamte Spieldauer –, darüber ist der Block immer noch knackevoll, erst ganz oben wird’s etwas luftiger. Die „Block U“-Zaunfahne kommt an die untere Plexiglasscheibe und stellt daher nur ein paar ihrer Buchstaben zur Schau. Ähnliches Schicksal widerfährt der zweiten wichtigen Fahne „Für Immer“, die sich über dem Mundloch krümmt. Kannste bei nem ausverkauften tortenstückigen Gästeblock kaum anders machen. Die mitgebrachte Schwenkfahne wird erst unter Jubel zusammengesteckt, dann aber durch den Block gereicht und letztlich noch vor Spielbeginn wieder eingefahren.

Auf Dresdner Seite das bekannte Zaunfahnenpanorama, inklusive Horda Zla (3x) und Red Kaos (35x), ein paar Schwenkfahnen und Doppelhalter. Aber das optische Highlight ist ohnehin die Blockfahne. Kennt ihr zwar alle schon von Youtube, aber es ist ein großer Moment, live im Stadion dabei zu sein und zuzusehen, wie sich dieses Monstrum entfaltet, das ganze Stadion klatscht und dann unter der Anleitung von Herrn Lehmann die Gesänge anstimmt. Dank der schlauen Platzwahl lässt sich die zehnminütige Aktion – es gibt auch noch eine spezielle Einspielung über die Lautsprecher, die aber im allgemeinen Vorbereitungstrubel untergeht – komplett begutachten. Zumindest soweit es das Meer aus Smartphones zulässt, die anstelle der Blockfahne hochgehen und versuchen einen Teil des Geschehens festzuhalten. Für den Fall, dass das Internet vor dem BFU zugrunde geht, noch die Aufschrift für’s Archiv: „Die Legende aus Elbflorenz, der Verein mit den besten Fans“. Auf die Melodie von „Rivers of Babylon“ ist das ein Dresdner Gassenhauer und natürlich auch einer der Songs, die während der Aktion gesungen werden. Die Blockfahne geht erst nach Anpfiff wieder runter, allerdings nicht in den Innenraum am Spielfeld, sondern in den mittleren Tribünengang. Von dort zieht sich der Abtransport durch’s Mundloch mittem im K-Block locker über die erste Viertelstunde, eine kleine logistische Meisterleistung. Als die ersten Aufräumer wieder in den K-Block eintrudeln, gibt’s passenderweise ein Elfmetertor für Dynamo.

Bis dahin hängen die Ohren vor allem am Gästeblock und zwar nicht nur durch den Standort bedingt. Junge, Junge, das ist ein schneidiger Auftritt. Der ganze Pathos im Madgeburger Liedgut um Kämpfer, Krieger, Schlachten und ähnliches ist zwar nicht so meins, aber was heute über 90 Minuten im Gästeblock geboten wird, ist in seiner Art ganz großes Kino und absolut stimmig mit dem restlichen Stil der Blau-Weißen. Ein wahnsinnig geschlossener Auftritt mit Beteiligung von ganz unten bis ganz oben. Schlagkräftige Gesänge, gut vom Vorsänger abgestimmt, die nicht nur in den ersten 10 Sekunden intensiv vorgetragen werden. Aus der seitlichen Perspektive sieht man auch die Oberkörper nach vorne wippen, da komme ich um das Adjektiv „polnisch“ einfach nicht herum. Oder waren das zufällig die 24 Gäste von Hutnik Krakow? Ergänzt wird der Auftritt im Verlauf des weiteren Spiels noch mit grandiosen Schalparaden, was auch ohne Pyro einen der stärksten Auftritte ergibt, die mir in Deutschland bisher untergekommen sind. Dass diese Vorstellung keine Eintagsfliege ist, zeigt sich übrigens eine Woche später beim Namensgeber der Ultras-Charts, als beim Heimspiel gegen Münster das gesamte Stadion minutenlang zu „Auf geht’s Magdeburger Jungs“ rockt. Da kann ich aus externer Perspektive nur den Hut vor der Arbeit des Block U ziehen.

Aber auch auf der Heimseite gibt es einen ordentlichen Auftritt zu bilanzieren. Bei den bekannten Gassenhauern macht der K-Block ordentlich Dampf. Zudem hat sich ein neuer Hit auf die Melodie von Supertramps „Logical Song“ (bzw. der Coverversion von Scooter) etabliert. Sowohl von der Melodie als auch von der Textlänge her hätte ich das nicht in Dresden erwartet, umso schöner die Überraschung. Allerdings ist auch zu bemerken, dass der K-Block mit seinen 9000 Plätzen immer noch eine Herausforderung darstellt. Das Potential wird öfter nur zur Hälfte bis zwei Dritteln abgerufen, was bei einer Gruppe mit den Ansprüchen von UD bestimmt regelmäßig für Unmut sorgt. Die Zusammensetzung ist augenscheinlich noch längst nicht so geschlossen und homogen, wie UD sich das vermutlich wünschen würde. Andererseits nimmt aber auch das restliche Publikum Anteil am Geschehen. Richtig groß sind die Hüpfeinlagen zu „Wer nicht hüpft ist Magdeburger“, bei denen die anderen Tribünen mit einsteigen und selbst den Gästefans mal kurz die Stimme wegbleibt. Derart kurzweilig vergeht das Spiel, hüben wie drüben ist für Abwechslung gesorgt, und als die Choreo-Spendensammler ihren Rundgang durchs Stadion mit vollen Eimern beendet haben, ist auch der Abpfiff nicht mehr weit. Im Heimblock werden noch die aufgespießten Schweineköpfe mit etwas brennendem Magdeburger Material untermalt, die Gäste beweisen mit einem „Die Nummer 1 der Welt sind wir“ entweder ihren Ehrgeiz oder ihren Sinn für Humor, und als nach Abpfiff ein paar Leuchtspuren aus dem Gästeblock aufsteigen, haben auch die Hass- und Krawalltouristen ihr kleines Highlight. Wobei das den Bock nicht mehr fett gemacht haben dürfte, denn so groß wie erwartet war die Aggressivität während des Spiels eigentlich nicht. Auch die Lennéstraße sieht beim Verlassen des Stadions nicht nach einer Schneise der Gewalt aus und da sich ultras.ws eine finanzielle Auszeit gönnt, bleiben auch die weniger relevanten Meldungen aus der Riot-Ecke aus.

 

BFU No. 37

UN ALTRO CALCIO E POSSIBILE

Casertana vs. Melfi 2:3
Serie C, 01.04.2015, Stadio Alberto Pinto, 2500 Zuschauer (0 Gäste)

Selfieknipsende italienische Rich Kids, Menschen, die ihren Kontrabass oder ein Holz-Schaukelpferdchen im Zug transportieren müssen, Frühstücker mit geräuschemissionsintensiven Papiersäckchen, Touristen mit Gepäck, das dem Zug schonungslos die Kapazitätslimiten aufzeigt und als Komplettierung dieses Straußes von Begleitgeräuschen selbstverständlich noch ein schreiendes Baby: Wer morgens von Bern nach Mailand fährt, verzichtet in diesem Biotop an Vollkoffern allererster Güte bewusst auf Lebensqualität. Nach Abendschicht-bedingt nur vier Stunden Schlaf ohnehin, und wenn dann noch das Scheitern der 38€-Verbindung nach Napoli droht, ist der Salat definitiv angerichtet. In Naboo ist es sicher friedlicher. „Seit ich den Planeten verlassen habe, habe ich jeden Tag an die Zeit dort gedacht. Es ist mit Abstand die schönste Welt, die ich je gesehen habe“, sagt Anakin Skywalker hierzu nämlich.
In Naboo leben neben den Menschen auch noch die Gungans, sie werden aber trotz ihres ehrenhaften, naturverbundenen Lebensstils nicht wirklich ernst genommen. In den Palast der charismatischen Herrscherin Padmé Amidala gelangen sie nicht, eine Mission Impossible. In Caserta haben die Eingeborenen zwar keine schnabelartigen Mundpartien und ihre Naturverbundenheit äußert sich angesichts der sich auftürmenden Abfallberge auch nur im Konsum gewisser veredelter Naturerzeugnisse, die sie in Zigarettenpapier einwickeln. Aber sie haben die Reggia, ein barocker Palast, dessen prunkvolles Intérieur die Kulisse für Amidalas Palast oder bei Mission Impossible den Vatikan darstellte. Stolz und streng steht diese absurd wirkende und hier so gar nicht hinpassende Pracht bourbonischer Herkunft in der Landschaft, mitten im Zentrum dieser Stadt, die ohne weiteres zu den hässlichsten gehört, die ich in Italien bisher besucht habe.
Die Reggia steht Versailles oder Schönbrunn in nichts nach, Touristenhorden gibt es hier aber keine. Dies liegt vielleicht auch daran, dass die Einwohner Casertas ihrer Stadt absolut keine Sorge tragen, ja sogar auf ihre Heimat zu pfeifen pflegen. Anders ist es nicht erklärbar, dass die Stadt so extrem heruntergekommen ist, dass die Fassaden von Ruß und Schmierereien unkenntlich gemacht wurden, dass selbst die Wiese vor der Reggia mit Müll übersät ist, dass die Chemie ganze Landstriche unbewohnbar macht, dass Kriminalität und Drogen die Stadt fest im Würgegriff haben, dass die Industrie aus der Provinz im Hinterland Napolis entfernt wegzieht. Gepaart mit dem Mangel an einem sehenswerten Zentrum, resultiert aus all diesen Faktoren dann eine Stadt, die seltsam deprimierend wirkt. Die einzige Hoffnung war, dass die schon so oft bewährte Gleichung „hässliche Stadt = gute Stimmung“ auch hier greift. Die gute Laune der Fans bei Rosarios Geburtstag in der Bar Angolo lässt schon mal drauf schließen. Nun denn, es war nicht ganz so. Die Stimmung war zwar anständig, aber wirklich mitreißend sangen die nach einem Ghettoviertel (fragt sich nur welches…) benannten Fedayn Bronx auf ihrer unwirtlichen Gegengerade nicht, beteiligten sich doch kaum mal mehr als 200 Menschen an der Unterstützung ihrer Mannschaft. Dabei steht diese derzeit so gut da wie seit fast 25 Jahren nicht mehr: 1992 stieg Casertana aus der Serie B ab, es war der Beginn eines Abschiedes auf Raten. In der Folge ging der Verein mehr als einmal pleite, hieß als Nachfolger der angestammten US Casertana auch noch Rinascita Falchi Rossoblù, Caserta Calcio oder Casertana FC. Letzterer ist der aktuelle Name des Clubs, der seit zwei Jahren wieder im Profigeschäft vertreten ist. In der neuen dritthöchsten Spielklasse spielen die wiedererstarkten Falken um den Aufstieg in die Serie B mit. Balsam auf die Wunden der geschundenen Casertaner Fußballseele, die in den letzten beiden Dekaden malträtiert wurde.
Als Musterbeispiel für Modefantum in Süditalien dienen ja eigentlich Palermo oder Reggina, doch in seinem Kleinen hat das Phänomen auch Caserta erreicht. Im Dezember 2011 fanden sich bei einem Heimspiel gegen Internapoli Camaldoli gerade mal 700 Leute auf den kalten, regendurchtränkten Stufen des Alberto Pinto ein, keine 50 davon hielten in der Kurve die Fahne hoch. Kommt sportlicher Erfolg, entdecken aber vielerorts die Leute ihre Liebe zum Verein plötzlich wieder. Gut 3300 Fans pilgern im Moment durchschnittlich an die Spiele, ein Vielfaches mehr als vor einigen Jahren noch. Das „ich habe Casertana ja immer die Daumen gedrückt, aber die beschissene Serie D gehe ich nicht schauen“ von Sitznachbar Egidio demonstriert dies geradezu in Perfektion. Aber er schien sich ohnehin primär für den Verzehr seiner in Unmengen ins Stadion geschleppten Cracker sowie Schweizer Gras zu interessieren als dafür, was die Herren auf dem Rasen veranstalteten. Im Spiel gegen die Gäste aus der Basilicata war Casertana zum Siegen verdammt, gehört der Gegner doch zum hinteren Tabellenteil. Melfi zeigte aber keinerlei Ehrfurcht und ging mit seinem ersten Angriff in Führung; Caturano traf nach einer Viertelstunde zum 0:1, womit die Partie lanciert war. Casertana war zwar optisch überlegen, hatte aber irgendwie Scheiße am Fuß. Denn obwohl die Rossoblù das Skore nochmals umdrehten und mit 2:1 in Führung gingen, holten sie keinen Punkt. Dermaku glich aus, Fella gelang in der 76. Minute sogar das 2:3 - das Publikum war verdutzt, traute angesichts des mutigen Auftritts der Gelb-Grünen seinen Augen nicht. Egidio war da keine Ausnahme, sein Wortschatz wechselte fortan um mindestens eine Schublade nach unten - und fand da auch nicht mehr raus, da es beim 2:3 blieb und Casertana im Aufstiegsrennen wichtige Punkte verspielte. Auch der Rezeptionsbelegschaft im Hotel New Baby - überraschenderweise kein Stundenhotel - bereitete der Spielausgang keine Freude; das Lamento darüber begleitete das Gut-Nacht-Bier in der Lobby.

 

BFU No. 36

Wisla Krakow vs. Cracovia Krakow

Krakow. Wisla. Cracovia. Heiliger Krieg. Messer. Äxte. Tote. Ich schätze mal, dass bestimmt so gut wie alle Leser nicht nur einmal mit diesen Begriffen in Berührung gekommen sind. Oft wurden in vielen Fanzines, u.A. im Grenzgänger, Erlebnis Fußball aber auch bei uns im BFU darüber berichtet. Demzufolge ist es schwierig, da noch eins drauf zu setzen, zumal die Verhältnisse dort, selbst für polnische Gepflogenheiten, eine ganz andere Nummer darstellen und es für Außenstehende so gut wie keine Einblicke gibt. Auch was die berühmte Aufteilung von Straßenzügen oder einzelnen Blöcken betrifft, blicken selbst Insider aus Krakow oftmals nicht durch. Das Geschäft ist schnelllebig und wo heute noch Cracovia in Überzahl war, kann sich morgen schon der Wind gedreht haben. Fakt ist, das Klima in der alten polnischen Hauptstadt ist für uns nicht greifbar und nicht nachzuvollziehen. Aus diesem Grund möchten wir an dieser Stelle nur die abgedruckten Fotos sprechen lassen und kurz auf die Hintergründe der Choreographie eingehen. Ihr werdet schnell merken, dass bereits dieses Fragment ausreicht um euch vor Augen zu führen, wie der Alltag im „Heiligen Krieg“ aussehen und enden kann.

Im September 2012 sollte in einem Krakauer Multikino der Film „Jestem Bogien“ (Ich bin Gott) aufgeführt werden. Besagter Film spiegelt den leider viel zu kurzen Werdegang der Katowicer HipHop-Combo Paktofonika wieder und beschreibt auf komische, aber auch dramatische Weise das Leben in der polnischen Nachwendezeit. Wie es der Zufall so wollte, fanden sich an besagtem Abend zwei Personen vorm Kino ein. Einer mit einem Schlüsselband von Cracovia und ein Anhänger des Rivalen mit einem Schlüsselband von Lechia Gdansk, ihrerseits befreundet mit Wisla.

Kurzer Blickkontakt und ab da überschlugen sich die Ereignisse. Beide mobilisierten nun auf die Schnelle in ihren jeweiligen Kreisen. Wisla erreichte zuerst den späteren Ort des Geschehens. Doch auch die Konkurrenz war auf Zack, denn zum einem endete kurz vorher das Spiel von Cracovia gegen Gornik Leczna und zum anderen saß ein Teil der Cracovia-Leute auch gerade in einer Bar in einem ihrer Viertel. Ein Späher der „Pasy“ (die „Gestreiften“, Spitzname von Cracovia) wurde vorausgeschickt, um die Anzahl der Gegner und die Art der Bewaffnung durchzugeben, ehe sich Cracovia auf Anweisung einer ihrer führenden Leute (der in Polen allseits bekannte Metal) in kleinen Gruppen in der Nähe des Kinos treffen sollte.

Sämtliche Personen hatten Sturmhauben über die Köpfe gezogen und waren mit Macheten, Messern, Teleskopschlagstöcken und anderen Schlagwerkzeugen ausgestattet. Gegen 23 Uhr folgte dann der traurige Showdown. Es kam zu einem Kampf, in dessen Verlauf Cracovia die Überhand behielt und Wisla sich zurückzog. Zwei Personen gelang dies nicht. Dariusz P., Spitzname „Mlody Dziekan“, wurde gleichzeitig von vier seiner Rivalen bearbeitet, von denen einer erst mit einem Messer und ein anderer mit einer Machete zustach. Ein weiterer traktierte ihn mit dem Stiel einer Axt. Das Messer, welches Mlody Dziekan in seiner Hand hielt, nützte ihm nichts mehr. Er starb kurz darauf aufgrund der entstandenen Blutungen.

Im späteren Verlauf wurden beinahe alle Beteiligten von der Polizei geschnappt. Drei Personen gelang die Flucht und sie konnten sich wohl ins Ausland absetzen. Erst in diesem Jahr wurde die Sache vor Gericht verhandelt. Von den 18 Angeklagten (alle aus dem Cracovia-Lager) hatten bereits im Vorfeld vier Personen einer Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft zugestimmt. Damit haben sie das in der polnischen Hooligan-Szene geltende Verbot jeglicher Beihilfe zur Aufklärung einer Straftat verletzt. Der Richterin war dies jedoch nicht ausreichend. Ihrer Ankündigung nach sollte jeder der Angeklagten Kooperationsbereitschaft zeigen oder der Prozess würde sich über viele Monate oder gar Jahre hinziehen. Von den 18 Personen, die seit dem Vorfall in U-Haft saßen (die anderen vier waren auf freien Fuß), knickten nach zähen Verhandlungen mit der Richterin und den Anwälten letztlich alle ein, da laut geltendem Gesetz jeder der Angeklagten der Kooperationsbereitschaft zustimmen muss.

Das Gericht belohnte diesen „Akt des Mutes“, eben weil er in Hooligan-Kreisen mehr als verpönt ist, mit abgemilderten Strafen. Zwischen 2,5 und 5 Jahre Haft lauteten die Urteile, dazu muss gemeinschaftlich ein Schadensersatz in Höhe von ca. 20.000 Euro an die 10-jährige Tochter des ermordeten Wisla-Anhängers gezahlt werden. Diese Art von Mauschelei thematisierte der Fanblock der „Weißen Sterne“ beim Derby gegen Cracovia mittels einer Choreographie. Man verkündet dabei in ähnlichen Fällen selbst stets den Mund gehalten zu haben und Personen, die sich vor Gericht nicht an diese Regeln gehalten haben, sind eben rausgeflogen. Wie die Szene von Cracovia intern auf die Ereignisse reagiert, ist nicht bekannt. Nach Beendigung der Verhandlung, als die vier ersten „Überläufer“ den Gerichtssaal mit hängenden Köpfen verließen, wurden sie von den Freundinnen und Frauen der restlichen 18 Inhaftierten stark bedrängt und mit Worten wie „Verräter, ihr habt euch verkauft!“ bedroht. Auf der Blockfahne ist ein Gerichtssaal zu erkennen, dazu ein Angeklagter mit „Jude Gang“-Shirt, der größten Hooligangruppe bei Cracovia. Links daneben steht „Ihr habt den Pakt des Schweigens gebrochen“ und auf dem Spruchband: „Ich gestehe – fiel im Prozess – 22 Mal“.

Der „Heilige Krieg“ in Krakow ist also um einen traurigen Höhepunkt reicher. Und ein ist noch lange nicht in Sicht. Wisla unterschrieb unlängst den polnischen Anti-Waffen-Pakt, der jedoch klar die Kämpfe gegen Cracovia davon ausschließt. Der allgemeingültige Standpunkt von Cracovia bleibt ebenso unverändert.

BFU No. 35

“Dankbarkeit dafür, noch mal so eine freie Kurve erleben zu dürfen“

Vor etlichen Ausgaben berichtete das BFU aus Indonesien, von Stadien im Nirgendwo, Fußball zum Vergessen, aber auch leidenschaftlichen Fans. Dieser Bericht war einer der Gründe dafür das Land zum Ziel des Familienurlaubs zu ernennen.

Dass bei dieser Reise nur ein, höchstens zwei Spiele rausspringen ist absehbar, aber Spielpläne und indonesische Fußballvereine sind trotzdem Teil der Reisevorbereitung. Ein großer Spaß, die meisten Vereine tragen ein „Persatuan“ im Namen, was dann mit einer Silbe aus dem Ortsnamen vermengt wird, manchmal die erste Silbe, manchmal die letzte Silbe, Logik zumindest für mich nicht ersichtlich. Vielleicht mal zwei Beispiele: Persatuan Sepak Bola Indonesia aus Jakarta wird zu Persija. Persatuan Sepak Bola aus Surabaya wird zu Persebaya. Verbunden mit der Tatsache, dass ich keine Ahnung von der Geographie Indonesiens habe und einige Vereine auch gar nicht in der Stadt spielen die sie im Namen tragen, ergeben sich ein paar spaßige Stunden mit goalzzz.com, Google Maps und Excel, bis endlich eine Übersicht der ersten und zweiten Liga zusammengepfriemelt ist, die als Masterfile für die Informationen aus der örtlichen Zeitung taugen sollte. Immerhin werden die Ortskenntnisse des Archipelagos auf Vordermann gebracht. Mit dieser Übersicht und einem rudimentären Spielplan geht’s über Bangkok und Bali (günstige Flüge mit Air Asia) auf die Insel Sulawesi.
Dort folgt dann nach zwei Tagen die grundlegende Erkenntnis, dass die geplante Reiseroute völlig utopisch ist. In diesem Land machst du im Schnitt 40 km pro Stunde, da helfen auch die komfortabelsten Reisebusse mit riesigen Bett-Sitzen nichts. Genauso illusorisch ist es, mal eben an einem Tag von der Route abzuweichen, bei nem 300km entfernten Zweitligisten aufzuschlagen und den Länderpunkt einzusammeln. Anlass genug also um die Urlaubsplanung grundsätzlich zu überdenken. Nach einer 10h Busfahrt mit Kotzerei und Durchfall (mutmaßlicher Täter: die Mango zum Frühstuck) fällt die Entscheidung sich ein paar Flüge für die nächsten Wochen rauszulassen. Womit Abnabelung vom Studenten- und Backpacker-Dasein endgültig ist, hehe. Bei der Buchung der Flüge spielt natürlich auch der Spielplan wieder mit rein und wenn die Kreditkarte eh schon glüht, dann soll’s auch noch ein Umweg über Jogyakarta sein. Dort hat PSS Sleman ein Heimspiel und von deren Brigata Curva Sud (BCS) gibt’s ein paar richtig gute Aufnahmen bei Youtube. So steht am Ende des Tages eine neue Reiseroute mit schöner Mischung aus Natur, Stadt und Kultur.

Nach dieser Neuorientierung endet der Aufenthalt auf Sulawesi mit ein paar Spezialitäten der Insel - Soto Makassar (Suppe mit Büffelinnereien, kräftig und wohlschmeckend), Paniki Rica (Fledermaus, das bisschen, das dran ist schmeckt nach Ente), nächster Halt ist Jogyakarta auf der Hauptinsel Java, früher Nachmittag am Spieltag, zumindest laut goalzzz.com. Die Anstoßzeit ist wieder ne andere Sache, keine der beiden Vereinsseiten wartet mit brauchbaren Infos auf. Am Ende kommt die Anstoßzeit um 19:00 über eine private Nachricht von einer Fanseite bei Facebook rein. Mit etwas Verspätung geht’s aus dem Hotel, ein Taxifahrer erhält das Fahrziel Stadion Maguwoharjo und los geht die Reise, erstmal 10km über die Ringautobahn und dann noch mal 2km durch ein Wohngebiet. Oh je, das wird nix mit nem Taxi nach dem Spiel, also Orientierungspunkte für den Rückmarsch zur Ringstraße merken. 30 Minuten vor Anpfiff hält das Taxi am Stadion, Rauchschwaden ziehen schon über selbigem, fix jetzt.

Durch ein Meer von Scootern geht’s zum Ticketschalter. Karte für die Curva Sud? Alles klar, mach‘ mal, die relevanten Wertsachen sind eh im Hotel bei der Liebsten geblieben, das wird sich schon ausgehen. Im Stechschritt den Turm zum Tribüneneingang rauf, Erinnerungen an den Sprint in den 3. Oberrang im San Siro vor einigen Jahren werden wach. Erstes Spiel von David Beckham beim AC Milan damals. Oben angekommen den erstbesten Eingang genommen und rein da. Eine gigantische Stehtribüne für geschätzte 10.000 Leute, richtig gut gefüllt, keine Ordner, keine freigehaltenen Treppenaufgänge, keine Wellenbrecher, der Sabber läuft jetzt schon und ich nehme es vorweg: das ist eine der besten Kurven, die ich mir jemals reinziehen durfte. Viel mehr als die Einlösung des vagen Versprechens vor jedem Trip, dass es wenigstens eine kleine Besonderheit in den Kurven zu entdecken gibt, sondern ein Sahne-Auftritt. Mich heutzutage noch aus den Socken hauen ist nicht einfach, mein Sättigungsgrad ist mittlerweile echt hoch und meine Vorlieben sowieso etwas speziell, aber was zum letzten Mal 2010 die MAXHTEC von Ano Famagusta in Limassol geschafft haben, das bringt auch die Brigata Curva Sud heute: es bläst mir das Hirn weg.

Eine Kurve voller Jugendlicher, endlos geile Gesänge oder besser: Choräle. Keine Scheiß-Pausenshow, die Halbzeitunterhaltung besteht darin, dass in den unteren Reihen die Böller gezündet werden und die Kurve den lautesten davon abfeiert. Eine freie, unbeschwerte Tribüne. So in etwa stell ich mir das Flair der frühen italienischen Kurven vor. Du gehst halt mit deinen Leuten ins Stadion und machst worauf ihr so Lust habt. Wahrscheinlich ist das heute nicht so anarchisch wie damals in den italienischen 70ern, man merkt an den Gesängen und auch an den Fahnen, dass die Kurve schon einen recht hohen Organisationsgrad hat. Aber es sind die Regeln der Ultras hier. Ich bin nicht der Typ für pathetisches Geschwafel, aber: Ich empfinde Dankbarkeit dafür, dass ich noch mal so eine freie Kurve erleben durfte.

Aber noch ein paar Worte zum Stil der Kurve: Optisch recht simpel, in der ersten Reihe eine große Schwenkfahne neben der anderen, keine Schalparaden, kein kollektives Gehüpfe. Statt dessen Gesänge, ich sag’s euch, Gesänge. Am Anfang minutenlang „I can’t help falling in love with you“, auch danach ein Song besser als der nächste. Ein bisschen Youtube-Ultra-Mainstream ist auch dabei, aber zum Großteil gibt’s Kurvenklassiker und auch ziemlich viel individuelles Zeug. Keine Ansprüche a la Raja (sinngemäß: „Bei uns darf kein Lied schon woanders gesungen werden“), aber auch kein Vergleich zu den japanischen Kurven die ich gesehen habe. Gesänge manchmal asiatisch, manchmal italienisch (Forza Sleman, vinci per noi), manchmal englisch (Sleman belongs to me, frei nach Cock Sparrer). Drums keep pounding a rhythm to my brain…

Dann Halbzeit, Bier gibt’s keines, die Kurve ist größtenteils trocken. Ein paar Jungs haben doch einen in der Krone, sprechen aber immer noch genug Englisch um mir zu erklären, dass es hier im Stadion keine Schals zu kaufen gibt. Dafür können sie mit der Adresse des Shops der Brigata Curva Sud dienen. Wieder rein auf die Tribüne, neue Leute um mich rum, Fotoanfragen wechseln sich ab mit der Aufforderung die Lieder mitzusingen. Aber nicht im Ton “Sing mit, sonst gibt’s auf’s Maul“, sondern mehr aus Stolz auf die eigenen Gesänge und die eigene Kurve. Ich mach beides gerne, ist ja auch ne gute Party hier. And the beat goes on… Aha, ein paar Bonek von Persebaya sind auch da, auf Nachfrage wird die Freundschaft mit den Hooltras aus Surabaya bestätigt. „Will you be with us on Friday, sir? There will be a big choreography and a lot of pyro, you should come”. Würde ich gerne, aber der Flug ist schon für Donnerstag gebucht. „Then wait for the pyro at the end of this match, but it will not be so much“. Spricht’s und ein paar Minuten später gehen die Fackeln an, kein Vermummen, kein Posen, einfach der Abschluss eines guten Spiels. Die Spieler kommen zur Kurve, der Capo klettert die Tribüne runter zu den Spielern und intoniert die indonesische Variante der Üclü von Besiktas: 3, 2, 1, Curva Sud *klatschklatschklatsch*, Curva Sud *klatschklatschklatsch*.

Raus aus dem Stadion, am Rollerparkplatz den ersten Kollegen angehauen, der meine Handzeichen richtig interpretiert und mich an der Ringstraße abliefert. Von hier ein Taxi zu bekommen ist schon schwieriger. Die Autos fahren alle auf der mittleren (Schnell-)Spur, die durch Betonstreifen von den anderen Fahrbahnen abgetrennt ist. Um mich aufzugabeln muss mich erst ein Taxifahrer erkennen, dann schnell abbremsen und eine Ausfahrt aus der Schnellspur nehmen. Ein Motorradtaxifahrer hält an, aber der Preis erscheint mir genauso niedrig wie der Typ unsauber, also Danke und dieses Mal nicht. Nach einer Viertelstunde schafft es endlich ein Taxi rechtzeitig zu reagieren, ein paar Hundert Meter joggen zur Ausfahrt, rein und bitte zum Hotel. Zur Feier des Tages noch ein paar Chicken-Saté im Straßencafé gegenüber vom Hotel (kein Durchfall, keine Kotzerei), der Nebenmann kommt auch vom Spiel, aber viel Unterhaltung ist bei seinem Englisch und meinem Indonesisch nicht drin.

Der nächste Tag ist mit Sightseeing in Jogyakarta ausgebucht, ein paar gute Graffiti vom Lokalrivalen PSIM kommen vor die Linse. Am nächsten Tag geht es nach Borobudur, der größten buddhistischen Tempelanlage der Welt. Kann man sich mal anschauen, ist aber nicht die große Offenbarung die 20 USD Eintritt rechtfertigen würde. Dafür gibt’s hier endlich die Dankeschön-Postkarten für die Daheimgebliebenen. Während auf der Taxifahrt in Jogja schon die ersten richtig fett großen PSS-Graffiti abgeschossen wurden gibt’s auch im Umfeld des Busbahnhofs von Borobudur ein paar schöne Wandbilder. Das Beste kommt dann aber auf der Rückfahrt nach Jogja, ein paar geile Sachen sind nämlich schon auf dem Hinweg hängen geblieben. Also 10km außerhalb des Zentrums raus aus dem Bus (die Busse halten bei Bedarf, nicht nach Haltestelle), Foto machen, rein in den nächsten Bus, nach 2 Minuten wieder „Giri!“ („Anhalten!“), raus, Fotos, warten auf den nächsten Bus. Die Fahrtgeldsammler halten uns für meschugge, aber wenn ihr die Fotos auf diesen Seiten anschaut wisst ihr, dass es sich gelohnt hat. Selbst die Liebste findet ihren Gefallen an dem Spielchen, man sieht ja ein paar Ecken der Stadt an denen man sonst im Leben nicht aufgekreuzt wäre.

Letzter Tag in der Stadt, der touristische Teil ist abgehakt, also lass uns mal schauen wohin uns die Suche nach dem BCS-Shop verschlägt. Der Taxifahrer wird mit der Adresse des Shops ausgerüstet und macht sich auf den Weg. Aha, es geht Richtung Stadion und Stadtteil Sleman. Rein in die Wohnsiedlungen und los geht die Suche. Mehrfach Leute angehauen, die Straße scheint richtig, aber der Laden taucht nicht auf. Dann die Rettung, in Form eines 12-Jährigen. „Giri!“ Der Kleine schaut erst Mal erschrocken als ich auf ihn zulaufe und der Taxifahrer bleibt einfach nur ungläubig im Wagen. Aber das Adlerauge hat ein BCS-Logo auf dem Rucksack erkannt und mit etwas Kauderwelsch gibt der Junge unserem Fahrer eine perfekte Wegbeschreibung. Der Shop liegt immer noch mitten in der Wohnsiedlung, kein Durchgangs-Verkehr, also darf der Taxifahrer warten und sich im Straßenrestaurant gegenüber stärken während wir den Shop besuchen.

Der erste Blick verrät: hier steckt ne Menge Kohle im Merchandise-Geschäft. Ca. 20qm, voll mit T-Shirts, Jacken und sonstigen Klamotten. Die Designs der T-Shirts sind querbeet, scheinbar hat alles als Vorlage getaugt was im www unter dem Stichwort ultra läuft. Die immer gleichen Vermummten, Old-School-Fußbälle, Lorbeerkränze, Fackelträger, sicher 30 verschiedene Motive, wie es sie überall zu sehen gibt. Ebenfalls im Angebot: die geläufigen Adidas-Modelle zu europäischen Preisen. Passend dazu gibt’s an der Stickerwand einen Kleber mit Badelatschen und dem Hinweis „This is a stadium, not a toilet“. Wird den Verkauf der Sneaker wahrscheinlich ankurbeln. Also alles im Angebot, was man in der modernen Ultrawelt so braucht, nur Schals gibt es nicht. Daher wandern ein T-Shirt und ein paar Sticker in die Einkaufstüte, hergestellt aus Recycling-Papier und im Corporate Design. Angesichts der Tatsache, dass jeder zweite in der Kurve mit Artikeln aus dem BCS-Shop rumläuft kann man sich schon ausmalen, dass hier auch eine Menge Umsatz mit der Marke gemacht wird. Ein Eindruck, der sich beim Blick in die nebenan liegende, geöffnete Garage bestätigt. Hier stehen die Trommeln und das Megaphon von gestern rum, direkt daneben stehen zwei schicke Motorräder. Beides PS-starke Modelle, ein ganz anderes Kaliber als die Roller die hier sonst das Straßenbild prägen. Bestätigt den Eindruck vom Spieltag, der Vorsänger war in ausnehmend gut sitzenden Casual-Marken-Klamotten gekleidet. Leider ist niemand anwesend, mit dem man ein paar Worte über die indonesische Kurvenkultur wechseln könnte (die Verkäuferin im Laden spricht nicht genug Englisch). Also bekommt der Taxifahrer das Fahrtziel Innenstadt – indonesisches Schattentheater – und sieh‘ an, wir waren nur eine oder zwei Parallelstraßen von der Ringstraße entfernt.

Tags drauf heißt es auschecken, am frühen Nachmittag geht’s weiter nach Borneo. Letzte Aufgabe: noch ein paar Wandbilder in hoher Auflösung schießen. Die bereits gesichteten Spots liegen auf dem Weg zum Flughafen, passt also. Dass es in der Umgebung noch ne Menge anderer sehenswerter Straßenkunst verzögert die Weiterfahrt immer wieder. Am Ende muss ich bei der Mitfahrerin um jeden einzelnen Stopp betteln („Eins noch, bitte, nur noch eins...“), dabei weiß der Taxifahrer schon wann er kurz links ranfahren muss. „Giri!“, Türe auf, Foto, rein und weiter. Am Ende reicht es natürlich immer noch dicke für unseren Flug, hier ist ja praktisch kein Flieger pünktlich und Check-In in vielen Fällen auch noch 30 Minuten vor dem geplanten Abflug möglich. Aber das ist eine andere Geschichte und gehört nicht mehr zu Jogyakarta.

BFU No. 34

Mein Freund der Anwalt... zum Thema: PYROtechnik

Bengalische Fackeln gehören für viele Fußballfans ins Stadion. So waren „brennende“ Kurven in den frühen 90er Jahren an der Tagesordnung und fanden auch in den Medien lobende Worte. Nachdem sich die öffentliche Meinung dazu geändert hat kommt es immer wieder zu Strafverfahren in Bezug auf das Abbrennen von Pyrotechnik.

Doch wie ist hier eigentlich die Rechtslage? Kurz um gesagt: Eine einheitliche Rechtslage hierzu gibt es nicht. Im Frühjahr 2013 beschäftigte sich unter anderem das Amtsgerichte Wolfsburg mit der Frage der Strafbarkeit von Pyrotechnik. Vor dem Amtsgericht Wolfsburg gab es außerdem die Besonderheit, dass seitens der Staatsanwaltschaft Braunschweig die Anklage auf „Schwere Gefährdung durch Freisetzen von Giften“ nach § 330a StGB lautete. Den sechs Angeklagten wurde vorgeworfen bengalische Fackeln abgebrannt zu haben bzw. durch das Halten von Fahnen die Tat erst möglich gemacht zu haben. Nachdem der 1. Hauptverhandlungstermin im Oktober 2012 kurzfristig abgesagt wurde, da kein Gutachten vorlag, wurde dieses Gutachten im Frühjahr 2013 eingeholt. Daraus ergab sich, dass über die Art der Bengalos keinerlei Aussage getroffen werden konnte, da keine Asservate sichergestellt wurden. Es ließ sich somit nicht mehr feststellen, ob es sich um solche aus Deutschland mit CE Kennzeichnung oder solche aus dem Ausland gehandelt hatte. Im Zweifel sei daher auszugehen, dass es sich um Bengalos mit deutscher Zulassung gehandelt habe. Diese seien nach medizinischer Ansicht nicht geeignet eine Gesundheitsgefährdung hervorzurufen. Nachdem mehrere Angeklagten daraufhin um eine Anreise nach Wolfsburg zu umgehen einer Einstellung nach § 153 StPO zugestimmt haben (bei Übernahme der vollen Anwaltskosten durch die Staatskasse), wurden die restlichen beiden Angeklagten freigesprochen. Dabei hat das Gericht aber offen gelassen, ob ggfs. eine Straftat nach dem Sprengstoffgesetz vorliegt.

Ansonsten gehen Gerichte und Staatsanwaltschaften mittlerweile dazu über, nach dem Grundsatz in dubio pro reo (im Zweifel für den Angeklagte) davon auszugehen, dass die Betroffenen, sofern keine Asservate gesichtet wurden, eine in Deutschland zulässige bengalische Fackel gezündet haben. Das Zünden ist nach verbreiteter derzeitiger Ansicht eine bloße Ordnungswidrigkeit. Alleine durch die Tatsache, dass die Behörden in diese Richtung ermittelt haben, empfehlen wir euch, für den Fall dass ihr zu einer Fackel greifen möchtet, unbedingt auf in Deutschland zugelassene Produkte, zugreift.

Inwieweit darüber hinaus der Tatbestand der (versuchten) gefährlichen Körperverletzung erfüllt ist, ist eine Frage des jeweiligen Einzelfalls. Darüber hinaus beziehen sich die vorgenannten Entscheidungen lediglich auf bengalische Fackeln. Beim Einsatz von Rauchpulver kann durchaus der Tatbestand der schweren Gefährdung durch Freisetzen von Giften erfüllt sein.

BFU No. 33

Ich bin Ultrà ...und schaue die WM

Geil, jeden Tag Fußball, rund um die Uhr. Nach Feierabend werden Rosterstand und Bier rausgeholt, die Glotze angemacht und über Fußball, Taktik, Land und Leute diskutiert. Das war ne coole WM.

Wer jetzt denkt, die Ironie endet irgendwann, den muss ich leider enttäuschen. Aber nicht, weil das hier ein flapsiger Satire-Text ist, sondern weil ich es schlicht weg ernst meine. Ich fand die WM geil! Ich finde jede WM geil. Ach was, ich geh noch nen Schritt weiter, und jetzt fallen euch sicher sämtliche Buttons von euren Flex-Caps, ich finde sogar jede EM geil. Länderspiele habe ich verschlungen. Zu Zeiten, als man unter schnellem Umschaltspiel bei Erich Ribbeck noch das planlose Schlagen langer Bälle von Marco Rehmer auf Martin Max verstand. Das liegt schlicht weg daran, dass ich Fußball geil finde. Damit meine ich nicht nur das Drumherum an Stimmung, sondern den Sport an sich. Nominierungen, Aufstellungen, Taktik, Verschieben, Tore, Schirientscheidungen und und und.

Heute interessiere ich mich natürlich mehr für das Drumherum. Gesellschaft und Politik als großen Kosmos, Ultras und Fans als kleinen. Aber als ich meine ersten Berührungen mit dem Ball hatte, die ersten Spiele am Sportplatz und im Stadion verfolgte, da zählte für mich nur das runde Ding. Ich hatte eine völlig freie Sicht auf das, was mich so fasziniert. Nach der Schule gings schnell heim, aber nicht um das neue FIFA XY am PC zu zocken, sondern um den Schulranzen in die Ecke zu krachen und bis zum Einbruch der Dunkelheit Fußball auf unserem Platz, den wir uns selber gebaut hatten, zu spielen.
Ich habe die EM 1992 geschaut und mich danach im Verein angemeldet. Seither schaue ich jedes Turnier. Das wird auch in Zukunft so bleiben. Mein Vater war für Deutschland, also war ich das auch. Wieso auch nicht? Genauso, wie er mich das erste Mal mit ins Stadion nahm. Der Sport hat mich in seinen Bann gezogen, ohne geht bis heute nicht. Fragt mich nach dem sensationellen Sturmduo von Wattenscheid in der Saison 93/94, ich sag es euch. Die Ergebnisse der EM Endrunde 1996? Kein Problem! Ich verpasste keine Ausgabe der Bravo Sport und sammelte fleißig Aufkleber fürs Panini-Album, oder die Cola-Dosen mit den Emblemen aller Bundesligisten. Was ich damit sagen will, Fußball war bereits vor dem Kontakt mit der Kurve der wichtigste Part in meinem Leben und hatte mein Herz erobert.

Erst um die Jahrtausendwende kam dann Ultrà hinzu, noch später ein geisteswissenschaftliches Studium und natürlich das Interesse für Politik und gesellschaftliche Prozesse weltweit. Ich hasse die CDU, missachte die FDP. Im Parteienspektrum ordne ich mich also links der Mitte ein. Ich hasse Kontrolle, sehe

Zurück